Metallbaukasten Merkur: Das tschechische Kult-Spielzeug


Viele tschechische Kinder sind damit aufgewachsen. Die Rede ist von Lochblechen, Winkeln, Reifen und Zahnrädern, die mittels Schrauben und Muttern zusammengebaut werden. Oder kurz: vom Metallbaukasten Merkur. Dahinter steht die vielleicht größte Erfolgsgeschichte im Spielzeugbau hierzulande. Dazu hören Sie nun eine neue Folge unserer Serie „Czech made – Erfindungen und Marken aus Böhmen und Mähren“.


Aus den Merkur-Baukästen lassen sich großartige Dinge fertigen. So zum Beispiel das Modell der „Stahlstadt“ aus einem der Romane von Jules Verne. Konkret aus dem Buch „Die 500 Millionen der Begum“, zu dem es auch eine tschechoslowakische Verfilmung gibt. Das Modell der „Stahlstadt“ befindet sich im Merkur-Museum in Police nad Metují / Politz an der Mettau in Nordostböhmen. Dort ist auch die Heimat der heutigen Firma Merkurtoys. Deren Chef ist Jaromír Kříž, er gilt als Retter der Marke Merkur nach der politischen Wende von 1989. Und Kříž ist stolz auf das Modell der „Stahlstadt“:


„Jiří Mládek hat dieses Modell geschaffen. Es ist im Guiness-Buch der Rekorde eingetragen als größtes Bauwerk, das mit einem Metallbaukastensystem erschaffen wurde. Mit acht Metern Länge und fünf Metern Breite wiegt es ungefähr eine Tonne. Wer Jules Verne gelesen hat, weiß, dass der Autor unterschiedliche Ideen über eine zukünftige Entwicklung der Welt beschrieben hat. Und Merkur ist ideal dafür, diese modellhaft zu zeigen“, so der Firmenchef vor zwei Jahren in einer Reportage bei den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks.


Merkur gehört in eine Reihe mit anderen Klassikern des Metallbaus – also Märklin, Trix, Stabil und Meccano. Von der letztgenannten Firma aus Liverpool stammte Anfang des 20. Jahrhunderts auch der Prototyp der Kästen. Das habe den tschechischen Erfinder Jaroslav Vancl inspiriert, so Jaromír Kříž:


„Er war der Sohn eines Schlossers aus Benátky nad Jizerou und zog zur Lehre in die Welt hinaus. Nach seiner Rückkehr nahm er eine Anstellung beim Maschinenhersteller Kačner in Police nad Metují an. Die Anfänge des Metallbaukastens Merkur liegen um das Jahr 1905. Damals hatte Vancl die Idee, für Kinder ein Spielzeug zu erfinden, mit dem sie sich selbst verwirklichen konnten.“




Rausschmiss und eigene Firmengründung


Doch erst der Rausschmiss aus der Firma Kačner ebnete den Weg. Jaroslav Vancl hatte nämlich einen Streik organisiert bei seinem Arbeitgeber, was dieser mit einer fristlosen Kündigung quittierte…


„Nach dem Rausschmiss gründete Vancl aus Trotz seine eigene Firma. Dort begann er, unter anderem Metallbauteile herzustellen, die er unter der Bezeichnung ‚Inventor‘ patentieren ließ. Das Prinzip war noch etwas anders als beim späteren Merkur. Die Metallteile wurden nämlich wie beim Gerüstbau mit Haken miteinander verbunden“, erläutert Kříž.




Vancl war aber nicht zufrieden mit diesem System. Ab 1924 erweiterte er es um Löcher in den Blechen, sodass sich diese dann mit Schrauben miteinander verbinden ließen. Damit seien die gestalterischen Möglichkeiten stark erweitert worden, sagt Firmenchef Kříž:


„Um das Jahr 1930, also während der Weltwirtschaftskrise, konnte Vancl durchsetzen, dass Merkur zum verpflichtenden Unterrichtsmaterial in den Schulen der Ersten Tschechoslowakischen Republik wurde. Er war der Auffassung, dass die Tschechen der Krise trotzen und die Besten werden könnten, wenn die Jugend bereits alle technischen Dinge lernt.“


Diese Vorstellung ist in einigen Fällen wirklich wahr geworden. Denn später haben sich sogar zwei Nobelpreisträger ausdrücklich auf die Merkur-Metallbaukästen berufen. Der eine war Otto Wichterle, der Erfinder der weichen Kontaktlinsen. Der Chemiker suchte nach einem Verfahren, um möglichst präzise Linsen zu gießen. 1961 hatte er für seine Söhne zu Weihnachten einen Merkur-Kasten besorgt. Doch Wichterle begann noch vor Heiligabend, selbst mit den Teilen zu hantieren. Denn ihm war die Idee gekommen, das Hydrogel für die Linsen im Schleudergussverfahren zu formen. Das heißt mit einer Zentrifuge, sodass sich eine schöne Rundung ergab.


„Gemeinsam mit seinem Sohn begann er, eine primitive Apparatur zusammenzubauen. Die musste auch angetrieben werden, dazu diente ein Fahrrad-Dynamo. Den trieb er mit einem Glockentransformator an, dem ein Schalter hinzugefügt wurde. Mit einem Riemen und einem Band wurden dann Förmchen in Bewegung gesetzt“, so der Merkurtoys-Chef.


In die Förmchen tropfte Wichterle das Hydrogel und ließ es während der gleichmäßigen Rotationsbewegung hart werden. Dadurch entstanden die ersten weichen Linsen, die bestens an die Rundung des Augapfels angepasst waren. Und alles mithilfe eines Merkur-Metallbaukastens.


Physiker Grünberg spielte mit Merkur


Aber auch der deutsche Physiker Peter Grünberg hat sich auf seine Anfänge als kleiner Bastler berufen. Er wurde 1939 in Plzeň / Pilsen geboren, und die Familie wurde nach dem Krieg wegen ihrer deutschböhmischen Herkunft aus der Tschechoslowakei vertrieben. 2007 erhielt Grünberg zusammen mit dem Franzosen Albert Fert den Nobelpreis für die Entdeckung des Riesenmagnetowiderstandseffekts, mit dem die Speicherdichte von Festplatten erhöht werden konnte…


„Im selben Jahr wurde ihm in Pilsen die Ehrenbürgerschaft verliehen. Als er zur Auszeichnung in seine Heimatstadt kam, betonte Grünberg, er sei froh aus der Stadt zu stammen und früher mit Merkur gespielt zu haben. Denn Merkur habe ihn auf den Weg zum späteren Nobelpreis gebracht“, erzählt Kříž.



Grünberg hatte während der Zeit der deutschen Besatzung mit dem Baukastensystem gespielt.


Allerdings konnte Merkur damals wegen der Kriegswirtschaft nur eingeschränkt produzieren. Danach fehlte es an Buntmetall, und erst 1947 wurde die Produktion erneut aufgenommen. Doch dann kamen die Enteignungen durch die Kommunisten, sie trafen auch Jaroslav Vancl. Letztlich durfte er nicht mehr als Firmengründer auftreten, blieb aber bei Merkur. Ab 1955 stellte das Unternehmen neue Serien von Konstruktionsbaukästen und Modellbahnen her und vertrieb sie in ganz Europa. Die Produktion der metallenen Spur-0-Modelleisenbahnen wurde 1968 eingestellt. Aber selbst die Konkurrenz durch Plastikbausysteme wie etwa Lego überstand das Unternehmen.


Erst nach der politischen Wende von 1989 kam der Konkurs des Betriebs. Retter war dann der Ingenieur Jaromír Kříž, dessen Firma Cross die Produktion übernahm. Seitdem sind die Baukästen um viele neue Bereiche erweitert worden...


„Das grundlegende Prinzip ist zwar gleich geblieben, aber wir haben Elektronik hinzugefügt genauso wie Robotertechnik. Wir bieten Lehrmittel an, anhand derer sich mechatronische Prozesse zeigen lassen. Aber selbst Versuche aus weiteren Wissenschaftsbereichen sind möglich.“


Und Kříž erzählt auch gern vom wohl größten Erfolg mit einem der neuen Baukastensysteme von Merkur. Denn drei Gymnasiasten aus Litomyšl / Leitomischl nahmen 2009 an der Roboter-WM in den USA teil. Zuvor hatten sie bereits die Ausscheidungen in Tschechien und auf europäischer Ebene gewonnen, wie der Firmenchef sagt:


„Insgesamt kamen 1500 Wettbewerber aus 62 Ländern zusammen. Und der Merkur-Roboter konnte in dieser Konkurrenz den Weltmeistertitel erringen. Das Interessante daran ist, dass die Jungs nach dem Flug in die USA den Roboter noch einmal neu zusammensetzen mussten. Denn beim Transport waren einige Teile beschädigt worden. Die Jury bekam das mit. Obwohl sich die tschechischen Gymnasiasten auch noch einen Computer leihen mussten, brachten sie den Roboter zum Fahren. Als dieser dann mit seinem Greifarm eine Flasche Bier nahm und den Inhalt in ein Glas goss, war die Jury so angetan, dass es der Sieg war. Denn die drei Schüler hatten sich selbst zu helfen gewusst, sie waren ja mit Merkur aufgewachsen.“


Dann benutzt Jaromír Kříž noch jenen Ausdruck, der in solchem Zusammenhang hierzulande immer gerne fällt: Dies seien die „goldenen tschechischen Händchen“!


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