Neuer Klang für den Böhmerwald: Grenzüberschreitende Sammlung für vier Glocken in Kašperské Hory


Kašperské Hory / Bergreichenstein im Böhmerwald sei eine Art schweigende Stadt, sagt Vladimír Horpeniak. Die fehlenden Glocken im Kirchenturm von St. Margaretha lassen dem Ortschronisten seit seiner Kindheit keine Ruhe. Im Zweiten Weltkrieg fiel das knappgewordene Eisen der Kriegsmaschinerie zum Opfer. Die Konfiszierung der Glocken hat, wie es Horpeniak drastisch ausdrückt, dem Ort die Stimme aus dem Hals gerissen. Nun soll sie wieder zurückkehren. Ein tschechisch-deutsches Projekt sammelt Geld, um die Kirche auf dem Marktplatz mit einem neuen Klang auszustatten.

Auf die nicht einmal 1500 Einwohner von Kašperské Hory kommen ganze drei Kirchen. Sie zeugen von einer langen Wallfahrttradition. Die Dekanalkirche der heiligen Margaretha (auf Tschechisch: svatá Markéta) entstand bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Mehrmals hat sie ihre Glocken durch Brände verloren. Den letzten Schicksalsschlag stellten aber der Zweite Weltkrieg und die Requirierung der Klangkörper dar. Vladimír Horpeniak arbeitet als Historiker beim örtlichen Böhmerwaldmuseum:

„Ich erinnere mich, wie ich als sechs- oder siebenjähriger Junge das erste Mal den Glockenturm unserer Hauptkirche erklommen und dort den leeren Raum gesehen habe. Es gab nur zwei Leihstücke und ansonsten vier leere Plätze für weitere Glocken. Damals habe ich mir gesagt, dass Kašperské Hory seine Glocken zurückbekommen muss. Dies ist die letzte noch nicht verheilte Wunde des Zweiten Weltkriegs.“

Nun wird diese Wunde geschlossen. Horpeniak hat gemeinsam mit dem Böhmerwald-Kulturverein eine Initiative gestartet, mit der unter dem Motto „Zvony pro Šumavu ‘, also „Glocken für den Böhmerwald“, Geld gesammelt und der Turm der Kirche neu ausgestattet wird. Finanziell unterstützt wird dies von der Stiftung „Blíž k sobě“ (Näher beieinander), die eine halbe Million Kronen (19.300 Euro) beisteuert.

Zu einem ähnlich persönlichen Anliegen sind die fehlenden Glocken auch für das Ehepaar Schley aus Bamberg geworden. Markéta Schley-Reindlová hat einen Großteil ihrer Kindheit in Kašperské Hory verbracht, wurde in der Margarethen-Kirche getauft und nach ihr benannt. An diese Tradition knüpfte das Paar mit seiner Hochzeit und mit dem Engagement für die neuen Glocken an, wie Marcus Schley berichtet:

„Der Ursprung dieser Idee geht zurück auf unsere Hochzeit 2006 in Kašperské Hory. Damals ist uns aufgefallen, dass es nur eine Glocke gibt, die im Kirchturm läutet. Wir haben dann erfahren, dass diese eigentlich eine Leihgabe der Friedhofskirche ist, weil alle ursprünglichen Glocken von St. Margaretha während des Krieges konfisziert wurden. Herr Horpeniak hat uns erklärt, wie das zustande gekommen ist. Das hat uns sehr betroffen.“

Als Horpeniak die Sammlung im vergangenen Jahr ins Leben rief, haben die Eheleute Schley die Aufgabe übernommen, Unterstützer auf deutscher Seite dafür zu finden. Damit kommt dem Projekt eine wichtige Bedeutung für die Aufarbeitung der tschechisch-deutschen Geschichte zu. Das hat auch der deutsche Botschafter in Tschechien, Christoph Israng, erkannt und die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen.

Lang gereifte Idee

Damit würde nun eine Idee umgesetzt, die jahrelang gereift sei, so Markéta Schley-Reindlová:

„Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür gekommen, weil auch die Gemeinde Kašperské Hory mitmachen möchte. Außerdem verfolgen viele ehemalige deutsche Bewohner das Projekt und unterstützen es finanziell. Der Ort liegt ja im ehemaligen Sudetengebiet. Dort haben auch viele Deutsche gewohnt, die nach dem Krieg vertrieben wurden. Deren Familien und Nachkommen kommen gern nach Kašperské Hory. Auch sie versuchen sich, an dem Projekt zu beteiligen.“

Was ist nun also mit den ursprünglichen Glocken von St. Margaretha passiert? Vladimír Horpeniak erzählt:

„Die letzten Glocken, die 1926 in der Gießerei Perner in České Budějovice hergestellt wurden, waren zur Zeit des Zweiten Weltkriegs historisch gesehen noch sehr jung. Darum fielen sie nicht unter den Denkmalschutz, und der Armeefiskus konnte sie 1942 ganz unbarmherzig einziehen.“

Viele umliegende Gemeinden auf beiden Seiten der Grenze haben diese Konfiszierungen erlebt. Aber vor allem in Tschechien stehen die Glockentürme noch heute leer. Marcus Schley erklärt, warum:

„Aus den Kontakten, die wir bisher geknüpft haben, tritt das gemeinsame Schicksal zutage. Jeder Pfarrer, vor allem wenn er etwas älter ist, kann berichten, dass auch auf deutscher Seite diese Glockenrequirierungen stattgefunden haben. Nahezu alle Glocken wurden abgehängt, um sie zu Kanonen umzugießen. Auf deutscher Seite konnten nach dem Krieg nahezu alle Glocken wieder nachgegossen werden, aber auf tschechischer Seite eben nicht.“

Wie Schley von seinem Schwiegervater weiß, gab es in Kašperské Hory sehr wohl Bemühungen, die Glocken wiederzubekommen. Es war bekannt, dass alle diese Objekte nach Bremerhaven abtransportiert worden waren und dort im Hafen quasi auf Halde lagen. „Aber die tschechischen Gemeinden, insbesondere Bergreichenstein, konnten ihre Glocken nicht mehr zurückholen, weil sie die Transportkosten hätten selbst zahlen müssen. Das konnten sie sich nicht leisten. Unter der kommunistischen Herrschaft war es zudem undenkbar, so etwas zu organisieren. So wurde es traurige Gewissheit, dass sie diese Glocken – selbst wenn sie noch vorhanden waren – nicht zurückbekommen konnten. Diese gemeinsame bittere Erfahrung der Glockenkonfiszierung gab es auf deutscher wie auf tschechischer Seite. Nur das Schicksal wollte es nicht, dass auf tschechischer Seite Glocken wieder in die Türme kommen.“

Pilotprojekt für weitere Gemeinden im grenznahen Raum

In Kašperské Hory behalf man sich mit der Verlegung von zwei historischen Glocken aus der lokalen Friedhofskirche in den Turm von St. Margaretha. Eine von ihnen wurde aber bald durch einen Sprung funktionsunfähig. Dieser provisorische Zustand dauert bis in die Gegenwart an. Mit der Restaurierung der beiden Barockstücke aus dem Jahr 1657 ist dieser Tage die erste Etappe des Projektes „Glocken für den Böhmerwald“ abgeschlossen worden.

Durch die öffentliche Sammlung sind bisher 330.000 Kronen (12.800 Euro) zusammengekommen. Den Stiftungsanteil hinzugerechnet, haben Horpeniak und seine Mitstreiter bisher etwa ein Drittel der Zielsumme eingebracht. Insgesamt 2,4 Millionen Kronen (93.000 Euro) werden die Restaurierung der beiden alten und die Anfertigung der vier neuen Glocken letztlich kosten. Selbige würden keine bloße Replik der ursprünglichen Instrumente sein, betont der Historiker:

„Ich wage zu behaupten, dass die neuen Glocken für den Böhmerwald, also für Kašperské Hory, ein wirklich neues und originelles Werk sein werden. Auf der künstlerisch-handwerklichen Seite gehen sie aus der tausendjährigen Tradition der Glockengießerei hervor. Klanglich und musikalisch knüpfen sie an die beiden vorhandenen historischen Glocken an und bilden mit ihnen einen wohlklingenden Akkord. Etwas mutiger hingegen werden ihre schönen Formen und Linien sein. Diese werden auf originelle Weise von ihrer plastischen Verzierung, konkret den Reliefs auf der Oberfläche der Glocken gebildet, die der Maler und Bildhauer Miroslav Houšť entwirft.“

In den Lokalzeitungen wurde bereits eine Abstimmung über die Namen der neuen Klangkörper durchgeführt. Die ersten drei Plätze belegten Maria, Markéta und Anna. Diese weiblichen Formen werden die beiden männlich benannten historischen Glocken, Mikuláš und Josef, ergänzen.

Im Zuge des Projektes haben Pfarreien der Nachbarorte, aber zum Beispiel auch aus Passau, die Klänge ihrer Kirchentürme aufgenommen und auf einer Website veröffentlicht. Diesen sogenannten Patenglocken soll eine besondere Rolle bei den Einweihungsfeierlichkeiten in Kašperské Hory zukommen. Markéta Schley-Reindlová ist als Organistin eng in die Vorbereitungen involviert. Mit einem feierlichen Open-Air-Gottesdienst werden die neuen Glocken, die dann noch auf dem Boden besichtigt werden können, am 8. August geweiht. Zwei Tage zuvor tritt Schley-Reindlová selbst in der Wallfahrtskirche auf:

„In dieser Kirche veranstalten mein Bruder und ich ein leicht experimentelles Konzert, bei dem es viel um Improvisation geht. Mein Bruder ist Multiinstrumentalist und Komponist. Er schreibt gezielt für dieses Ereignis ein Stück. In diese Komposition wird er die Aufnahmen von den Patenglocken integrieren.“

Damit stehe dieses Konzert in engem Zusammenhang mit der eigentlichen Glockenweihe am Sonntag, fügt die Musikerin hinzu. Etwa einen Monat später, nämlich zum Stadtfest am 10. September, sollen die neuen Glocken im Turm von St. Margaretha dann zum erst Mal läuten. Sobald Kašperské Hory mit einem neuen Klang ausgestattet ist, wollen sich die Initiatoren um weitere leere Glockentürme im Böhmerwald kümmern. Diese erste Sammlung gilt als Pilotprojekt für eine Reihe an Gemeinden im Grenzgebiet, die heute noch gezwungenermaßen stumm sind. Denn jede Stadt, so sagt Vladimír Horpeniak, brauche schließlich ihre Stimme.

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