Perseus, Hus und ein wenig Freimaurerei?


Wenn sich berühmte Architekten selbst ihre Villa entwerfen, dann fühlen sie sich naturgemäß bemüßigt, ihr neues Domizil auch ein wenig als Werbung für ihr eigenes Können zu nutzen. Das gilt auch für den Erbauer dieser Villa in der Dykova 1039/6 in Vinohrady (Prag 2).

Es geht um Alois Dryák, über den wir ja schon hier, hier, hier, hier und hier berichtet haben. Und der gehörte zu jenen Architekten, die das „neue“ Prag des frühen 20. Jahrhundert geradezu archetypisch repräsentierten. In den 20er Jahren war er den modernsten Baustilen der Zeit wie Kubismus oder Frühfunktionalismus – vor allem bei öffentlichen Großbauten – äußerst aufgeschlossen, wenngleich er sie gerne mit einer kleinen Dosis traditionellerer Gestaltungselemente ein wenig gefälliger erscheinen ließ.

Seine eigene Villa fällt da allerdings aus dem Rahmen, denn sie ist ein Frühwerk, das er in den Jahren 1898 bis 1900 entwarf und bauen ließ. Damals war er noch dem Historismus und dem Jugendstil verpflichtet (ein anderes Beispiel dafür hier), denen auch sein Lehrmeister Friedrich Ohmann (siehe u.a. hier und hier) gefrönt hatte. Was Dryáks Villa so besonders macht, ist der wilde Eklektizismus, bei dem sich der Architekt wohl so richtig austoben wollte.

Die Silhouette erinnert ganz und gar an norddeutsche Renaissancegebäude. Und unter dem Dachgiebel sieht man ein gigantisches Relief (großes Bild oben), das den griechischen Sagenhelden Perseus darstellt, der gerade die Gorgone Medusa (bei deren Anblick man bekanntlich versteinerte) erledigt hat, deren abgeschlagenen Kopf er in der Hand hält. War Dryák schlichtweg ein Klassizist mit Vorliebe zur mediterranen Antike und ihren Mythen? Irgendwie nicht, denn ansonsten strotzt das Haus nur so von bodenständiger oder auch weniger bodenständiger tschechischer Symbolik.



An der Ecke auf Höhe des ersten Stocks befindet sich um eine Nische geschlungen eine typische Jugendstilmalerei mit Pflanzengirlande (kleines Bild oberhalb links), die von der Aufschrift „Pravda vítězí“ (Die Wahrheit siegt) – ein Ausspruch des böhmischen Frühreformators Jan Hus, der in Dryáks Zeiten ein Lieblingsslogan aller tschechischen Patrioten war, die der Habsburgerherrschaft kritisch gegenüber standen. Inzwischen hat er es sogar zum tschechischen Wappenmotto gebracht. Man kann Dryák damit immerhin politisch einigermaßen einordnen, wenngleich man nicht so recht nachvollziehen kann, was denn Perseus damit zu tun haben könnte. Und ebenfalls recht lokal gedacht ist die um ein Fenster gewundene Stadtansicht Prags mit Burg und Veitsdom vorne auf der Fassade.

And now for something completely different: Nämlich der gestuckte Zirkel und das Winkelmaß an der westlichen Hausecke. Beides sind natürlich nützliche Utensilien für den aufstrebenden Architekten, der Dryák zu dieser Zeit war, aber in der Kombination kann man sie eigentlich nur so deuten, dass Dryák ein Freimaurer war. Die Freimaurerei war in Prag seinerseit sehr verbreitet und gerade progressive Kreise unter den tschechischen Patrioten waren für sie sehr empfänglich. Obwohl die Freimaurerei formell im Habsburgerreich bis zu dessen Ende 1918 verboten war (wenngleich irgendwie doch toleriert), gehörte es in diesen Kreisen geradezu zum „radical chic“, Freimaurersymbole so ostentativ zur Schau zu tragen, wie es Dryák hier tat.

Der auffällige Hahn am westlichen Giebel erschließt sich mir nicht ganz, könnte aber auch ein Freimaurersymbol sein. Er taucht als Teil der symbolischen Ausstattung des Raumes in einer Loge auf, in dem ein Kandidat vor der Initiierung im großen Logensaal noch einmal den Schritt meditativ überlegen soll.

Wie dem auch sei: Dryák hat anscheinend wahllos alles, was ihm sehr am Herzen lag, auf die Fassade seines Hauses gepackt – griechische Sagen, Hussitentum, Prag, Freimaurerei und möglicherweise noch mehr. Möglicherweise ist das nicht sein architekturhistorisch bedeutsamstes Gebäude (es ist ja, wie gesagt, ein Frühwerk), aber es bietet viel Stoff zum Entdecken. (DD)

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