Prachtkirche, renovierungsbedürftig


Man darf sich vom modernen Glanz Prags nicht blenden lassen. In Tschechien gibt es Orte, denen man die soziale und und ökonomische Verwüstung als späte und andauernde Folge des Kommunismus noch ansieht. Dabei hatten viele von ihnen dereinst bessere Zeiten gesehen. So etwa der kleine Ort Chlumín, der nur rund 30 Kilometer von Prag darauf wartet, wie Dornröschen wieder wachgeküsst zu werden.

Nichts symbolisiert die frühere Pracht dabei so sehr wie die mitten auf dem Dorfplatz stehende Kirche der Heiligen Maria Magdalena (kostel sv. Maří Magdalény), die den Ort geradezu monumental optisch dominiert. Erst, wenn man sich nähert, sieht man, in welch herzzereißend deplorablen Zustand sich das Gebäude leider befindet. Doch beginnen wir am Anfang der Geschichte. Der Ort Chlumín wird erstmals 1336 schriftlich erwähnt und schon für 1362 ist auch die Kirche dokumentiert, die im damals modernen gotischen Stil erbaut worden war. Die fiel den Hussitenkriegen teilweise und dem Dreißigjährigen Krieg vollständig zum Opfer und musste danach lange warten, um wieder aufzuerstehen.

Im Jahre 1732 ließ die getrennt von ihrem (am weiblichen Geschlecht desinteressierten) italienischen Ehemann nunmehr in Böhmen lebende Prinzessin Anna Maria Franziska Großherzogin von der Toskana an der ursprünglichen Stelle eine neue große Barockkirche erbauen. Sie hatte offenbar eine so große Abneigung gegen ihren fernen Mann, dass sie über dem Eingang nicht das (wesentlich höherrangige) Wappen des Großherzogtums Toskana, sondern das Wappen ihres Geburtsgeschlechts, der Herzogenfamilie von Sachsen Lauenburg in Stein meißeln ließ.




Wie gesagt, die fromme Großherzogin ließ sich nicht lumpen und so entstand hier in Chlumín, wo sie die große Landbesitzerin war, ein einschiffiges Kirchengebäude mit großem Turm an der Westfassade, das zu den größten der Region nördlich von Prag gehört. Die Kirche wurde zugleich die Dekanatskirche für 19 umliegende Gemeinden. Die Kirche wirkt durch die sie umgebende, noch erhaltene Kirchhofsmauer noch bambastischer. Der Friedhof wurde allerdings 1830 aufgelöst.

Nur ab und an öffnet die katholische Kirche heute für Messen und Veranstaltungen. Draußen bröselt der Putz. Eine durch Spenden und EU-Mittel finanzierte Renovierung repararierte 2018/19 nur das Dach und die Turmfassade. Immerhin hat die Dachreparatur größere Schäden im Inneren abgewendet. Aber natürlich sieht man auch innen überall bröckelnden Stuck und tiefe Risse in den Mauern. Über das vermeldet die Homepage der Gemeinde, dass es seit 1989 bereits zu zehn Einbrüchen und Plünderungen gekommen sei: „Jetzt gibt es nichts mehr zu stehlen.“ Man kann das positiv wenden, weil durch den Mangel an Ornamentik die schönen geschwungenen Barockformen des Innenraums – insbesondere der Empore – jetzt voll zum Tragen kommen.

Und immerhin sind ja auch einige schlecht oder gar nicht stehlbare Attraktionen von künsterischem Wert erhalten geblieben. Dazu gehört das Deckengemälde der Zentralkuppel, das den Himmel voller Engelserscheinungen zeigt. Welcher Maler dieses grandiose und raumerweiternde Bild gemalt hat, ließ sich nicht feststellen, aber sicher ist, dass sich die reiche Großherzogin einen damals profilierten Vertreter des Faches leisten konnte. Trotz der absichtlichen Vernachlässigung der Kirche in den Zeiten des Kommunismus hat das Gemälde noch viel von seiner Farbfrische beibehalten.




Weiterhin dem Barock verpflichtet sind der große Altar, über dem sich wiederum das sächsisch-lauenburgische Wappen der Stifterin befindet, (kleines Bild links) und eine Kanzel, auf der eine große Engelsgestalt thront (rechts). Engel schienen das künstlerische Hauptmotiv bei der Innengestaltung der Kirche gewesen zu sein.

Von der ursprünglichen Kirche des Mittelalters und der frühen Neuzeit ist nur ist kaum noch etwas zu sehen. Tatsächlich ist nur ein Relikt noch augenfällig, und zwar die Grabplatte eines bärtigen Mannes in Ritterrüstung. Sie stammt aus dem Jahre 1599 – augenscheinlich ein Angehöriger des lokalen Adels der Zeit. Ein anderes wertvolles Relikt aus dem Mittelalter, ein prachtvolles Tryptichon aus der Zeit Karls IV. (der in der Kirche geschenkt hatte) mit Darstellungen aus dem Leben der Jungfrau Maria befindet sich seit längerem in der Galerie von Burg Křivoklát (wir berichten hier), was man in Chlumín bedauern wird, aber möglichwerweise den Diebstahl des Kunstwerkes verhinderte.

Man wünscht der Kirche, dass in nächster Zeit genügend Geld zusammenkommt, um die sie durchgängig zu renovieren. Sie könnte sich selbst (und damit Chlumín) zu einem Magneten für Prager Ausflügler entwickeln, die Naherholung in der Umgebung suchen. Aber es dauert lange, bis die Folgen der von den Kommunisten gewollten Herunterwirtschaftung in den Jahren 1948 bis 1989 wirklich beseitigt sind. Gegen die hat man sich hier durchaus gewehrt. Der für seinen Kampf gegen Kommunismus und für demokratische Verhältnisse bekannte Prager Erzbischof und Kardinal František Tomášek ließ es sich 1970 – zwei Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings – nicht nehmen, in der seit Jahren kaum mehr genutzten Kirche eine Heilige Kommunion abzuhalten. Sie wurde zur stillen Demonstration gegen die Machthaber, während über Hauptaltar und Turm die tschechoslowakische Fahne wehte. Es war ein Ereignis, dass die Gemeinde wohl bis heute mit einem gewissen Stolz erfüllt. (DD)

Source

3 views0 comments