Rotarmist mit Blumenstrauß



Im Mai 1945 schüttelte Prag das Nazi-Joch ab. Seit dem 5. Mai tobte der Prager Aufstand, an dem sich tschechische Bürger beteiligten, von denen viele nicht unbedingt von der braunen Nazityrannei in die rote Sowjetdiktatur überwechseln wollten. Und seit dem 6. Mai kämpfte sich die Rote Armee verlustreich den Weg in die Stadt. Die Wehrmacht kapitulierte am 8. Mai vor den heimischen Aufständischen. Einen Tag später marschierte die Rote Armee in der Innenstadtein. Heute ist verständlicherweise der 8. Mai der Feiertag, mit dem man hierzulande das Kriegsende begeht. In den Zeiten des Kommunismus war es der 9. Mai und die Kommunisten setzten alle Mittel ein, um die Menschen davon zu überzeugen, dass erst die Rote Armee die wahre Befreiung brachte.


Viele Prager wären wohl lieber von den Amerikaner befreit worden, wie etwa der Westteil Böhmens um Pilsen. Wie dem auch sei: Zu den Mitteln, mit denen man Sympathien für Stalins Truppen gewinnen wollte, gehörte auch die künstlerische Gestaltung der Denkmalskultur. Die hatte den Vorgaben des Sozialistischen Realismus zu folgen und sollten die „wahre“ Gesinnung stärken. Viele Kriegsdenkmäler stellen daher die Rotarmisten ausgesprochen unmartialisch, ja geradezu pazifistisch als Bringer von Freundschaft und Solidarität dar.





Kernstück der Ikonographie war dabei der Blumenstrauß, die die Rotarmisten in der Hand tragen (frühere Beispiele hier und hier). Das erinnert irgendwie an Reden vor großen kommunistischen Parteitagen, wo nicht nur die Zuhörer dem Redner, sondern der Redner den Zuhörern applaudierte. Man sieht eigentlich nie, dass begeisterte Tschechen oder Tschechinnen den „Befreiern“ Blumen reichen, sondern nur umgekehrt.


Ein Beispiel dafür steht vor dem Friedhof des nördlichen Stadtteils Vinoř (Prag 9).Vor dem Haupteingang des Friedhofs (Vinořský hřbitov) an der Prachovická steht der einsame Rotarmist, etwas überlebensgroß, auf dem Sockel. Er hält den obligatorischen Blumenstrauß in der Hand und kein Gewehr. Auch scheint niemand da zu sein, der den Strauß entgegen nimmt. Die schlichte Skulptur, die geradezu archetypisch den damals ideologisch gewollten Stil repräsentiert, wurde 1949 aufgestellt und ist das Werk der Bildhauerin Taťána Konstantinová, die in Prag etliche systemkonforme Werke hinterlassen hat.


Vor dem Denkmal steht eine kleine Tafel mit den Namen fünf sowjetischer Soldaten, die hier entweder am letzten Kriegstag fielen oder einige Zeit später ihren Verletzungen erlagen. Kriegsopfer waren sie allemal. Deshalb mag man zu Recht über den Agitprop-Kitsch mit den Blumen schmunzeln, aber abreißen wollte man das Denkmal dann doch nicht. (DD)

Source

0 views0 comments

Recent Posts

See All