Schlechtes Zeugnis für Tschechien

Zur Einstimmung auf das Großereignis: Philipp Lahms neues Buch „Das Spiel“

Philipp Lahm stellt dem tschechischen Fußball ein schlechtes Zeugnis aus. Er verstehe nicht, weshalb deutsche Klubs „so überproportional viele Spieler“ aus dem Ausland einkaufen, schreibt der Weltmeister von 2014 in seinem neuen Buch „Das Spiel“. Als ein Beispiel dafür nennt er „Spieler aus … Tschechien“.

Im Gegensatz zu anderen Experten ist Lahm um die Zukunft des deutschen Fußballs nicht bange. Zwar beklagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff zuletzt mehrfach einen Mangel an deutschen Top-Talenten. Und auch der langjährige DFB-Trainer Horst Hrubesch sah im Februar 2021 in der „FAZ“ die Nachwuchsarbeit im deutschen Profifußball in einer Krise. Doch Lahm macht viele „Vorzüge bei Strukturen und in der Ausbildungslage im deutschen Fußball“ aus. Anders als in Ländern wie Tschechien, wo „mit Sicherheit nicht mehr Talente nachwachsen“ und man sich nach seiner Überzeugung „weder auf demselben Niveau noch in derselben Konzentration wie hierzulande eine Topausbildung leisten“ könne. Deshalb rät er dazu, mehr auf den eigenen Nachwuchs zu setzen statt Spieler „mit 25 aus einem Land zu holen, das in der Ausbildung nicht wirklich konkurrenzfähig“ sei.

Über Rassismus und Homophobie

In seinem Buch schaut Lahm besonders auf den Fußball im Kleinen. Und auf die Kleinen. Für ihn zählt „am Ende nicht der größtmögliche sportliche Erfolg“, weil ihn sowieso nur wenige erreichen können. Mehr wert ist ihm „die Ausbildung von Fähigkeiten, die allen Jugendlichen nützen“ könnten.

Zugleich blickt er aber auch von hoher Warte auf die Fußball-Welt. Zumindest er hat darin ja alles gewonnen: Weltmeister, Champions-League-Sieger, vielfacher Deutscher Meister. Mit so viel Erfahrung im Kopf ist dem langjährigen Spielführer der deutschen Nationalelf ein Blick über den Tellerrand hinaus auf möglichst viele Facetten seines Sports wichtig. Also auch auf Themen wie Geschäft, Rassismus, Depression. Dabei wird er persönlich. Etwa wenn Lahm über den Tod von Nationalkeeper Robert Enke schreibt, für ihn „die größte Katastrophe in meinem sportlichen Umfeld“.

Oder über Homophobie. Schon in seinem ersten Buch „Der feine Unterschied“ hatte er angemerkt, dass bei der Suche nach seinem Namen in Google bereits an zweite Stelle „Philipp Lahm schwul“ auftauche – nicht wahr, lediglich aufgrund eines Gerüchtes im Internet, doch bis heute nicht zu beseitigen. Lahm rät homosexuellen Fußballern von einem Coming-out ab, auch wenn sie gerne wollten, weil sie ihren Beruf anschließend nicht mehr „unbeschadet“ ausüben könnten.


Philipp Lahm (2017)
Philipp Lahm (2017)

Prinzipiell macht Lahm nicht allzu viele Anmerkungen zu seinem Leben. Dafür zeigt er auf, wie sich einzelne Momente auf seine Karriere auswirkten. Wobei sein Grundsatz lautet: Selbst wer keine große Karriere anstrebe, könne „durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Fußball seine Persönlichkeit entwickeln“. Und er könne „sein Leben lang daraus Nutzen ziehen“. Dies schreibt er bereits im Vorwort, das bei ihm „Aufwärmen“ heißt.

Dass sein (Lehr-)Buch auf vielen Seiten ein Ratgeber zum richtigen Umgang mit seinem Sport ist, macht er schon durch die Aufteilung der Kapitel deutlich. Lahm behandelt Fragen zu „Spielaufbau“ oder „Coachingzone“. Und Inhalte wie „Spieler und Spielintelligenz“ sowie „Die Rolle des Einzelnen in einer gut organisierten Mannschaft“ oder „Arbeitsbelastung, Verletzung und Bewältigung“.

Vorrangig ist ihm, eine Anleitung für Kinder zu liefern. Durch Ausführungen zur „Auswahl des richtigen Vereins“ und „Was ist notwendig, um in diesem Sport zu bestehen“. Lahm fürchtet, Eltern könne die Sorge umtreiben, dass ihr Kind „anderes versäumt, wenn es sich zu sehr auf den Fußball einlässt“.

Freilich kann auch das Gegenteil der Fall sein. So kennt der Schreiber dieser Zeilen einen Vater, der für die Karriere seines Sohnes extra einen Berater einstellte. Der Junior, ein durchaus begabter Torhüter, erhielt ein Angebot vom FC Augsburg, immerhin ein Bundesligist. Doch der Berater setzte dem überehrgeizigen Vater den Floh ins Ohr, dass sein Sohn den Ansprüchen des großen FC Bayern genügen würde. Am Ende gab der Sohn mit Mitte 20 den Fußball völlig auf, der Vater sitzt heute auf einem sechsstelligen Schuldenberg.

Parallelen zu Weisweiler

Philipp Lahm wagt daneben einen Blick auf die globale Bedeutung des Fußballs und auf Missstände. Nicht als Problem will er indes die hohen Einkommen von Profi-Fußballern sehen. Für ihn sind auch erstklassige Fußballer „begnadete Künstler“, gesegnet mit Talent und Sonderbegabung, also im Rang von großen Malern oder Musikern. Somit würden Spitzengehälter lediglich die Bedeutung von Spitzensportlern für Gesellschaft und Wirtschaft widerspiegeln. Darüber lässt sich trefflich streiten, gerade jetzt während dieser Corona-Pandemie, die wie niemals zuvor den wirklichen Wert von Menschen für eine Gesellschaft aufdeckt.

Wenn Lahm über den italienischen und spanischen Stil im Fußball schreibt, erinnert er unweigerlich an Bücher des großen Trainers Hennes Weisweiler. Er machte vor 50 Jahren die „Fohlen“ von Borussia Mönchengladbach groß und lehrte zugleich an der Sporthochschule Köln. Und schon ihm war es ein Anliegen, etwa den Unterschied des schottischen Fußballs vom englischen schriftlich niederzulegen. Ja, mit seinem zuweilen erhobenen Zeigefinger und manchmal belehrenden Ton könnte Lahms Buch auch als Bewerbungsschreiben für einen akademischen Lehrauftrag dienen.


Wer noch Interviews mit ihm von früher im Kopf hat, auf den wirken Lahms schriftliche Aussagen wortgewandt und sehr authentisch. Der Stil erinnert so sehr an ihn, dass zu vermuten ist, Lahm hat im Gegensatz zu vielen anderen auf einen Ghostwriter verzichtet. Immerhin hat er einen Ruf zu verteidigen. Denn Lahm war ja „der intelligenteste Spieler“, den Welt-Trainer Pep Guardiola nach eigener Aussage je getroffen haben will.

Nicht nur er, sondern auch Klopp, Löw, Rehhagel und Trainer generell nehmen in Lahms Buch breiten Raum ein. Sie seien essentiell für einen Erfolg, verkündet Lahm. Daher seien ihre Anordnungen zu befolgen, sonst könne es zu „geradezu tragischen Beispielen“ kommen. Erstaunlicherweise nennt er Lionel Messi als Beispiel, der sich nach seiner Meinung „verselbständigt“ habe. Dabei wurde schon in den großen Barca-Jahren gefragt, ob nun der Trainer die Anweisungen zu den Erfolgen der Katalanen gab – oder nicht doch eher Messi auf dem Platz.



Lahm absolvierte 332 Spiele für den FC Bayern.
Lahm absolvierte 332 Spiele für den FC Bayern.

Philipp Lahms „Spiel“ ist kein Buch für eine riesige Leserschaft, sondern eher für im Fußball Tätige und solche, die über das 1:0 eines Spiels hinausschauen wollen oder breit(er) am Fußball interessiert sind. Lahm nimmt eine theoretische Analyse seiner Karriere vor und verarbeitet seine Erkenntnisse aus Siegen und Niederlagen. Der Fußball biete „Leitplanken für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung“, wie er mit missionarischem Eifer vorträgt. Weshalb er „meine Erfahrungen in der Ausbildung“ beschreibt. Nicht aber um seine Erlebnisse im WM-Finale.

Wem solche Anekdoten wichtiger sind, der ist mit seinem ersten Buch „Der feine Unterschied“ fraglos besser bedient. Weil er darin offen Auskunft über Mitspieler gab und – ebenfalls auf seine typische Art – kein Blatt vor den Mund nahm, erntete der Autor reichlich Kritik. Für ihn „keine Überraschung“, aber „auch nicht weiter von Bedeutung“, wie er nun auf Seite 13 in „Das Spiel“ konstatiert. Warum Philipp Lahm sein erstes Werk schon 2011, also im Zenit seiner sportlichen Leistungen – und vor seinen ganz großen Erfolgen – veröffentlichte, bleibt unergründlich. Auf seiner (internationalen) Habenseite standen damals lediglich ein verlorenes EM-Finale 2008 und ein verlorenes Champions-League-Finale 2010 sowie dritte Plätze bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010.

Den wirklich „feinen Unterschied“ zu diesen Pleiten erfuhr er erst durch das Triple 2013 mit den Bayern – also Siege in Champions League, Meisterschaft und DFB-Pokal – und durch den WM-Triumph von 2014. Lahm hält es für müßig, zehn Jahre später eine Rückschau darauf zu halten. So vergleicht er „sein“ Triple mit dem aktuellen des FC Bayern von 2020 allein deshalb, um zu betonen, wie notwendig die Identifikation eines Spielers mit seinem Verein und wie fruchtbar das Miteinander von Klubs und Nationalmannschaft seien. Und zur gewonnenen WM 2014 erwähnt er lediglich, dass Joachim Löw als Nationaltrainer ausreichend Platz für nachrückende Führungsspieler geschaffen habe und am Ende sieben Spieler des FC Bayern im Finale aufliefen.

Sudetendeutsche Wurzeln

Als Philipp Lahm den WM-Pokal in den Nachthimmel von Rio stemmte, seien „auch die Sudetendeutschen Weltmeister geworden“. So jubelten sudetendeutsche Verbände und Periodika. Denn Lahms Großvater Rudolf stammte aus Schönbrunn im Kreis Tachau. Philipp Lahm selbst sieht seine Heimat ganz woanders. Nämlich bei der Freien Turnerschaft Gern in Oberbayern.

Viel wichtiger als Stammbaumwurzeln sind Lahm – geboren in München – zudem die Grundlagen seines Sports, wie er in seinem Buch verdeutlicht. Auch als er bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland gegen Costa Rica traf, verzichteten sudetendeutsche Veröffentlichungen nicht auf ihren Anspruch: „Das erste Tor schoss ein Sudetendeutscher.“ Philipp Lahm sieht dies deutlich globaler: Im Zentrum steht für ihn „stets der Mensch“.


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