Soziologin und Charta 77-Unterzeichnerin Jiřina Šiklová gestorben


Die Soziologin, Schriftstellerin und Unterzeichnerin der Charta 77, Jiřina Šiklová, war eine unübersehbare Persönlichkeit in tschechischen Intellektuellenkreisen. Am Samstag ist die ehemalige Dissidentin im Alter von 85 Jahren gestorben.


Jiřina Šiklová stammte aus Prag. An der Karlsuniversität studierte sie Geschichte und Philosophie. Später war sie Mitbegründerin des Instituts für Soziologie an der Philosophischen Fakultät. Das kommunistische Regime hat ihr jedoch die Arbeit an der Fakultät für Jahrzehnte verboten. Während der Zeit der sogenannten „Normalisierung“, also nach dem Einmarsch der Warschauer Pakttruppen 1968, arbeitete Šiklová darum Jahre lang in der Abteilung für Geriatrie im Thomayer-Krankenhaus in Prag. Dank einigen Kollegen konnte sie auch Bücher schreiben, wie sie im Tschechischen Rundfunk vor einigen Jahren berichtete:


„Ich habe damals nicht nur Forschungsberichte zusammengestellt. Einige der Kollegen haben mir sozusagen ihre Namen geliehen. Man könnte sagen, dass ich dank dem Mut und der Zusammenarbeit einiger Menschen auch damals etwas Vernünftiges machen und Bücher schreiben konnte.“


Šiklová unterzeichnete die Charta 77 und beteiligte sich aktiv am Schmuggeln von Exilliteratur in die Tschechoslowakei. Texte verbotener einheimischer Autoren half sie wiederum, im Ausland zu verbreiten. Gegenüber dem Zeitzeugenprojekt Paměť národa (Gedächtnis des Volkes) erzählte sie 2017:


„Ich glaube, dass dies eine große Bedeutung hatte. Vilém Prečan (Historiker, der im Exil in Deutschland lebte, Anm. d. Red.) erhielt von mir Texte von Büchern, die anschließend im Ausland erschienen. Stellen Sie sich vor, dass Pavel Tigrid, den der kommunistische Geheimdienst StB für etwas wie den Satan hielt, in Paris eine Nummer seiner Zeitschrift ‚Svědectví‘ herausgab, die nur aus den Texten tschechischer und slowakischer Autoren zusammengestellt war. Das ermunterte andere Menschen und war ein Beweis, dass es Sinn hatte zu schreiben. Tausende Menschen lasen Texte, die vom damaligen Regime verboten wurden.“


Der verstorbene Präsident Václav Havel würdigte Šiklovás Mut beim Schmuggeln der Literatur. Vor 13 Jahren sagte er im Tschechischen Fernsehen:


„Das waren Dinge, die missbraucht werden konnten. Sie hat aber keine Angst gezeigt. Ich muss zugegeben, dass ich sie bewunderte.“


1981 wurde der geheime Austausch der Texte verraten. Mehrere Menschen wurden verhaftet und acht Dissidenten verurteilt, darunter auch Šiklová. Sie verbrachte ein Jahr im Gefängnis.


Nach der Wende von 1989 kehrte Šiklová nach Jahrzehnten wieder an die Karlsuniversität zurück. An der Philosophischen Fakultät gründete sie das Institut für die Soziale Arbeit und später das Zentrum und die Bibliothek für Gender Studies. 1999 wurde sie von Präsident Havel mit der Verdienstmedaille ausgezeichnet. Für die Grünen kandidierte sie 2009 in den Wahlen zum Europaparlament, allerdings erfolglos. Im Tschechischen Fernsehen sagte sie vor einigen Jahren:


„Wichtig ist die Zufriedenheit. Zufrieden zu sein damit, wie ich mich zu einer bestimmten Zeit verhielt, wie ich handelte.“


Der Philosoph und ehemaliger Dissident Daniel Kroupa gehörte zu denjenigen, die Šiklová während der kommunistischen Zeit mit der geschmuggelten Literatur versorgten. Er erklärte am Sonntag gegenüber dem Tschechischen Rundfunk, Jiřina Šiklová sei einer der aufrichtigsten Menschen gewesen, die er gekannt habe:


„Sie sagte immer offen ihre Meinung und scheute sich nicht davor, auch unangenehme Dinge auszusprechen. Dies tat sie aber auf eine Weise, die nicht beleidigend war und die die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht verletzte. Sie war eine aktive Person. Sie war überall dort, wo etwas passierte und war bereit, sich für eine gute Sache unter allen Umständen zu engagieren.“


Der Vorsitzende des Verfassungsgerichts und ehemalige Dissident Pavel Rychetský kannte Jiřina Šiklová viele Jahre lang. Er erinnerte sich an sie im Tschechischen Fernsehen:


„Jiřina war eine Person, die unglaublich viel Energie hatte, um ständig etwas zu organisieren und sich für das Gute einzusetzen. Die Leere, die wir jetzt nach ihrem Tod fühlen, ist für uns schwer.“

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