Strahlender Funktionalismus: Palast der Prager Elektrobetriebe


Der Palast der Prager Elektrobetriebe im Stadtteil Holešovice ist eines der bedeutendsten funktionalistischen Baudenkmäler in Prag. Vor kurzem wurde die Instandsetzung des Bürogebäudes aus der Zwischenkriegszeit beendet. Sie dauerte zweieinhalb Jahre, und die Kosten beliefen sich auf umgerechnet 50 Millionen Euro. Dem Palast statten wir im heutigen Spaziergang durch Prag einen Besuch ab


Das Gebäude gilt als Musterbeispiel der tschechoslowakischen Architektur der Zwischenkriegszeit. Die Architektur-Theoretikerin und Historikerin Radomíra Sedláková erklärt die Umstände seiner Entstehung:


Prag-Holešovice in den 1920er Jahren |


„Prag wurde 1918 zur Hauptstadt eines neuen Staates und war auf diese Rolle nicht vorbereitet. Die Stadt hatte keine Räumlichkeiten für Ministerien, Botschaften und Zentralbehörden. Daher waren die 1920er Jahre von einem starken Bauboom gekennzeichnet, der mit einer glücklichen Ära der tschechischen Architektur einherging. Man wollte das Beste zeigen, was die Architekten zu bieten hatten. Holešovice war damals ein bizarres Stadtviertel an der Peripherie jenseits der Moldau. Dennoch fanden sich Institutionen, die sich dieses Stadtviertel als ihren Sitz wählten. Eine davon waren die Prager Elektrobetriebe, die hier den Sitz für alle ihre Büros bauen wollten.“


Werbung für Strom


Die neue Firmenzentrale wurde von zwei jungen Architekten entworfen: von Adolf Benš und Josef Kříž. Es war ein modernes funktionalistisches Gebäude mit Stahlbetonkonstruktion und cremeweißer Keramikverkleidung. In der Mitte stand ein sechsstöckiger Zentralbau mit einer großen Halle und Galerien, umgeben von niedrigeren Flügeln. Die räumliche Großzügigkeit des Gebäudes war atemberaubend. Radomíra Sedláková:


„Mit dem Haus wollte man Werbung für den elektrischen Strom in Prag und in der Tschechoslowakei machen. Daher seine Architektur und seine helle Farbe, die die Sauberkeit evozieren sollte. Im Haus saß auch die Redaktion der Zeitschrift Zepo. Sie wurde an alle Menschen versandt, die im Haushalt Strom hatten und hier ein Elektrogerät kauften“


Benš und Kříž haben bereits 1926 den Architekten-Wettbewerb gewonnen. Der Bau begann aber erst 1930 und wurde fünf Jahre später beendet, sagt die Architekturhistorikerin:


„Das Gebäude wurde so leider zu lange gebaut. Mittlerweile war nämlich das Haus der Allgemeinen Pensionskasse zur Ikone des tschechischen Funktionalismus deklariert worden. Wäre der Bau von Benš und Kříž etwa drei Jahre früher fertiggeworden, hätte zweifelsohne er diese Rolle gespielt.“


Der architektonische Wert des Neubaus wurde nie genug geschätzt, meint Sedláková. Einer der Gründe sei, dass Architekt Benš heute vor allem im Zusammenhang mit dem hervorragenden Gebäude des Prager Flughafens erwähnt wird, das er entworfen hatte. Und der andere Grund, dass der Elektro-Palast an der Peripherie der Stadt stand.


Das Gebäude wurde in den zurückliegenden Jahren von Grund auf renoviert. Für das Projekt sorgte das Architekturbüro TaK Architects. Architekt Marek Tichý verweist auf eine breite Skala von Funktionen, die der Baukomplex einst erfüllte:


„Die Hauptfunktion war die Zentrale für Büros der Prager Strom- und Verkehrsbetriebe. Zudem wurden hier kommerzielle Aktivitäten betrieben, im Erdgeschoss waren viele Geschäfte. Die große Halle in der Mitte diente als Ausstellungsraum für Elektrogeräte. Sie war durch große Schaufenster mit der Straße verbunden, damit die Passanten all die Kühlschränke, Föne und weiteren Geräte sich anschauen konnten. Das Haus ist von allen Seiten verglast. Es strahlte abends und beleuchtete die Stadt. Dadurch sollte die Idee ausgedrückt werden, dass der Strom die moderne Zeit beleuchte. Zudem gab es hier viele weitere interessante Funktionen. Zu erwähnen ist etwa die Badeinrichtung. Sie wurde hier für die Angestellten der Verkehrsbetriebe errichtet, damit sie sich dort nach der Arbeitsschicht erholen konnten.“


Technische Errungenschaften


Ganz oben unter dem Dach gab es ein Restaurant sowie repräsentative Büros der Firmenleiter. Der Sitz der Elektrobetriebe konnte sich auch mit vielen technischen Errungenschaften rühmen, erinnert Kunsthistoriker Jakub Potůček:


„Das Gebäude war nicht nur aus ästhetischen Gründen und aufgrund seines urbanen Konzepts von Bedeutung. Es war sozusagen eine moderne Büro-Maschine, die mit den neuesten Technologien ausgestattet war. In erster Linie waren es eine Klimaanlage und ein Luftheizungssystem der Firma Carrier. Diese Heizung wurde von den Architekten selbst durchgesetzt. Da die Leitung der Elektrobetriebe wenig Vertrauen in diese Einrichtung hatte, wurde sie während der Arbeiten am Projekt in einem abgestellten Kraftwerk ausprobiert. Dort wurden die eindeutigen Vorteile dieses Heizungssystems nachgewiesen.“

Es war sogar geplant, die Lüftung durch die moderne Klimaanlage zu sichern und die Fenster verriegelt zu lassen. Diese Lösung sei aber auf halbem Weg steckengeblieben, sagt Architekt Tichý:


„Die Fenster konnten zwar geöffnet werden, hatten aber keine Griffe. Wir haben Repliken der alten Fenster hergestellt, nur etwa vier Fenster sind original. Wir möchten hier im Gebäude die ursprüngliche Technik und Technologie in einer Ausstellung präsentieren. Die Menschen, die hierherkommen, können sich dann vorstellen, wie das Haus einst funktionierte.“


Neben der erwähnten Klimaanlage gab es auch andere Neuheiten, die hierzulande damals kaum bekannt waren. In Holešovice war beispielsweise eine der ersten Großkantinen amerikanischen Typs in Betrieb. Zur Beförderung von Lkws diente ein Fahrstuhl mit der Tragfähigkeit von 15 Tonnen.


Der Palast war bis zur Privatisierung in den 1990er Jahren der Sitz der Prager Verkehrsbetriebe, eines Nachfolgers der Elektrobetriebe. Jahrzehnte lang saßen dort Beamte der Verkehrsbetriebe, eine Kundenhalle diente unter anderem als Verkaufsstelle von Monatskarten. In den Sälen wurden auch Tanzkurse sowie Konzerte und Theatervorstellungen veranstaltet. Das zum Teil alternative Kulturzentrum war sehr populär, doch das Gebäude geriet mit der Zeit in einen immer tristeren Zustand. Zudem wurde es in den 1980er Jahren durch die meistbefahrene Straße Prags, die sogenannte Magistrale, von seiner Umgebung abgeschnitten.


Umstrittene Renovierung


Nach der jüngsten Instandsetzung strahlt das Gebäude in neuem Glanz. Einige Kunsthistoriker und Experten kritisieren jedoch, dass dabei die Authentizität verloren gegangen sei und es sich nur noch um eine Replik des historischen Gebäudes handle.


So wurden etwa die ursprünglichen Keramikplatten von der Fassade durch neue ersetzt. Die Originalkacheln wurden nämlich in der Vergangenheit stark beschädigt. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie im Zuge der Schutzmaßnahmen vor Luftangriffen dunkel angestrichen und nach dem Krieg mit Lauge gereinigt. Dies sorgte für die Zerstörung der Keramik. In schlechtem Zustand war aber auch die Schicht darunter. Bei einer Bestandsaufnahme vor dem Baubeginn hat sich herausgestellt, dass die Gebäudehülle zu 80 Prozent beschädigt ist. Architekt Marek Tichý weist die Vorwürfe, die alten Materialien bei der Renovierung durch neue ersetzt zu haben, zurück. Man habe die Architektur in ihrem ursprünglichen Ausdruck, ihrer Komplexität und ihrer Stärke geschützt, so Marek Tichý. Und er ergänzt:


„Wir haben versucht, dem Gebäude seine architektonische Großzügigkeit und Einzigartigkeit zurück zu verleihen. Andererseits wollten wir, dass es weiter seinem Zweck dienen kann. Ein Vorteil war, dass es weiterhin als Bürogebäude genutzt wird. Trotzdem haben wir die ursprüngliche strenge Struktur kleiner Büros zerschlagen und einen Kompromiss gemacht – im ersten Stockwerk bleibt die Struktur unberührt, in den höheren Etagen wird sie gelockert. Wenn man durch das Gebäude steigt, gibt es immer weniger Trennwände, und die Räume werden vereinigt, bis ein einziger, von beiden Seiten beleuchteter Raum entsteht.“


In die Büros werden bald Mitarbeiter des Werbe- und Medienkonzerns WPP einziehen, der sie für 18 Jahre gemietet hat. Die kommerziellen Flächen und Säle warten indes noch auf ihre neuen Mieter und Betreiber.

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