Theater to go: „Hamlet“ und Co. in der virtuellen Realität erleben


Die Kultur steht nicht nur in Tschechien still. Einzelne Einrichtungen und Initiativen versuchen aber, den Kontakt zwischen Künstlern und ihrem Publikum auch in der Corona-Pandemie nicht abreißen zu lassen. In Prag heißt es seit kurzem: Wenn der Zuschauer nicht ins Theater kommen kann, kommt das Theater eben zu ihm. Das Projekt „Brejlando“ nutzt neueste Technologien der virtuellen Realität und bringt dem Publikum die Schauspieler so nah wie nie zuvor.

Erlauben wir uns zunächst einen kleinen sprachlichen Exkurs: „Brille“ heißt auf Tschechisch „brýle“, was im Alltagsgebrauch oft als „brejle“ abgewandelt wird. Unter dem davon abgeleiteten Namen „Brejlando“ kann man sich ein besonderes Exemplar einer „brejle“ nach Hause bestellen. In der Papiertüte, die der Kurier bis an die Haustür bringt, befinden sich eine Virtual-Reality-Brille und ein Paar Kopfhörer.

„Diese Technologie versetzt denjenigen, der sich die Brille aufsetzt, mitten in eine Theatervorführung. Die Schauspieler spielen den Zuschauer direkt an.“

So fasst Kulturstadträtin Hana Třeštíková (Praha Sobě) gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen knapp zusammen, was „Brejlando – Take-away divadlo“ (Brejlando – Take-away-Theater) bietet. Der Prager Magistrat hat sich am Projekt beteiligt und die finanzielle und organisatorische Verantwortung übernommen. Im Ergebnis steht der Bevölkerung in der Hauptstadt dieser Leihservice nun seit 29. März zur Verfügung.

Der Nutzer der Brille ist gut beraten, auf einem Drehstuhl Platz zu nehmen. Denn er kann sich komplett auf 360 Grad den Schauspielern zuwenden und jedem einzelnen folgen.

Es ist keine Live-Aufführung, aber auch kein klassischer Filmmitschnitt, der hier zu sehen ist. Das Theaterensemble hat sein Stück mit einer Spezialkamera aufgenommen, um die herum sich die Schauspieler bewegen. Bisher stehen für „Brejlando“ zwei einstündige Aufführungen zur Auswahl: „Hamleti“ (Hamlets) vom Theater Na zábradlí mit Petr Čtvrtníček in der Hauptrolle sowie „Perníková chaloupka“ (Das Pfefferkuchenhäuschen) vom Kindertheater Minor. An dem Märchen wirkt Sängerin und Schauspielerin Monika Načeva mit. Im Gespräch mit dem Tschechischen Rundfunk zeigte sie sich von den Aufnahmearbeiten begeistert:

„Für mich war das etwas ganz Neues. Plötzlich konnte ich mir in dem Spiel etwas ausdenken, das nicht durch Worte, sondern durch die Bewegung und den Kontakt zum Gegenüber funktioniert. Auch wenn ich zu einem gedachten Publikum spreche, ist es super, wie ich mit den Kindern dort kommunizieren kann. Das hat mir daran am meisten Spaß gemacht.“

Die Kamera direkt anspielen

Für die Dreharbeiten ist keine große Bühne nötig. „Hamleti“ etwa wurde in einem kleinen Raum eingespielt, der nur spärlich ausgestattet war. Die runde 360-Grad-Kamera steht mitten im Geschehen und fängt alle anwesenden Schauspieler gleichzeitig ein. Monika Načeva:

„Ich habe versucht, ganz natürlich zu spielen, so als sei die Kamera der Kopf eines zuschauenden Kindes. So habe ich ohne Worte mit ihm kommuniziert. Wenn die Hexe zum Beispiel auf der Bühne gerade etwas Böses machte, habe ich der Kamera über den Kopf gestreichelt und ihr Mut zugeflüstert.“

Die Arbeit mit der Spezialkamera und die zugehörigen Regieanweisungen waren dabei diametral anders, als es die erfahrenen Schauspieler etwa vom Film oder Fernsehen gewohnt sind. Načevas Kollege Petr Stach berichtete dem Tschechischen Fernsehen:

„Bei normalen Dreharbeiten will jeder Kameramann oder Regisseur, dass wir vor allem nicht in die Kamera schauen. Diesmal hat der Regisseur ständig gefordert, dass wir ihm doch bitte schön in die Kamera blicken und mit ihr agieren sollen. Daher war das etwas ganz Anderes.“ Die technische Ausstattung für das Projekt hat die Firma Brainz Studios beigesteuert, die Virtual-Reality-Technologien entwickelt. Gemeinsam mit den Theaterregisseuren wurden Bühnengestaltung und Beleuchtung angepasst. Die Aufführungen mussten zudem gekürzt und unterteilt werden, damit der Zuschauer Pausen einlegen kann. Štěpán Kleník ist Mitbegründer der Brainz Studios und erläuterte im Tschechischen Rundfunk:

„Es herrschte breite Begeisterung darüber, etwas Neues zu konzipieren. Die Schauspieler haben das Prinzip sehr schnell verstanden. Vielleicht, weil ihnen schon seit einem Jahr die Zuschauer fehlen. Jetzt schauen sie in die Kamera wie auf einen Zuschauer und es wirkt, als sprechen sie direkt mit ihm. Petr Čtvrtníček kann dabei auch von hinten auf uns zukommen und uns ansprechen. Dieses Gefühl hat man im Theater nicht.“






Räumliches Sehen und Hören

Die eingesetzte Kamera hat sechs sehr empfindliche Linsen. In nur einer Minute nehme sie eine riesige Menge an Daten auf, so Kleník weiter:

„Die Kamera ist stereoskopisch. Jede Linse nimmt ein anderes Bild auf. Die Brille vermittelt dann einen räumlichen Eindruck, anders als beim Schauen eines normalen Films. Der Regisseur klärt mit dem Schauspieler, wann er in welche Linse schauen soll. Wichtig ist aber, dass sich der Zuschauer dabei nicht verloren fühlt. Also gibt es in all dem ein Hauptgeschehen.“

Der einzige blinde Fleck befindet sich direkt unter dem Zuschauer, also am Stativ der Kamera. Dort sind beim Dreh die Mikrofone platziert:

„Dabei wird ein spezielles Mikrofon eingesetzt, das einen 3D-Ton aufnimmt. Dieser wird in der Postproduktion noch bearbeitet. Wenn der Zuschauer dann Brille und Kopfhörer trägt, wirkt der Ton wie in der realen Welt. Man hört besser jene Geräusche, in deren Richtung man auch schaut. Was sich hinter einem befindet, wird dagegen eher unterdrückt.“

In Tschechien sind die Kultureinrichtungen bis auf eine kurze Unterbrechung seit mehr als einem Jahr geschlossen. Allein die zehn städtischen Theater in Prag haben 2020 Verluste von etwa 210 Millionen Kronen (8,1 Millionen Euro) verzeichnet. Das bedeutet einen Rückgang von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hana Třeštíková sieht „Brejlando“ als Möglichkeit, einerseits dem Publikum wieder kulturelle Erlebnisse zu bieten, andererseits aber auch den Bühnen eine Einkommensquelle zu verschaffen. Während der Projektplanung seien im Vorfeld alle zehn beitragsfinanzierten Theater der Stadt angesprochen worden, so die Kulturstadträtin:

„Allen wurde die Brille vorgeführt. Einige Theater haben sofort gewusst, wie sie sich für ihre Vorstellungen nutzen ließe. Mit ihnen haben wir schon Dreharbeiten durchgeführt. In den anderen Theatern überlegt man noch, was sich für die virtuelle Realität einstudieren ließe. Zum Beispiel im Švandovo-Theater wird ein ganz neues Stück dafür entstehen.“

In anderen Häusern werden, ähnlich wie im Theater Na zabrádlí, Vorstellungen aus dem bestehende Repertoire neu arrangiert. Bis zu den Sommerferien will „Brejlando“ zehn Stücke anbieten. Der Service soll künftig auch über Prag hinaus verfügbar sein. Eine Brille kostet im Verleih inklusive Anlieferung und Abholung knapp 900 Kronen (35 Euro). Sich auf die virtuelle Realität einzulassen und tatsächlich wie im Theater zu fühlen, liegt dann nur noch am Nutzer selbst.

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