Velorex: Das ungewöhnliche, motorisierte Dreirad


Eigentlich wurde dieses Gefährt für Invaliden hergestellt. Aber auch wegen seiner verbesserten Konstruktion war es später in der Tschechoslowakei ganz normal auf den Straßen zu sehen. Die Rede ist vom Velorex, einem motorisierten Dreirad. Erfunden wurde es schon zu Kriegszeiten von den Brüdern František und Mojmír Stránský. Mehr zu dem eigentümlichen Fahrzeug mit zwei Rädern vorne und einem hinten nun in einem neuen Teil unserer Serie „Czech Made – Erfindungen und Marken aus Böhmen und Mähren“.

Der Zweitakter-Motor kam vom Motorradhersteller Jawa, den Rest schraubten die Erfinder selbst zusammen. So entstand ab 1950 das erste Modell des Velorex. Die Brüder Stránský nannten ihr Gefährt aber anders, und zwar OS-KAR. Für ihr motorisiertes Dreirad nahmen sie das, was damals in der kommunistischen Tschechoslowakei zu bekommen war. Der Rahmen bestand aus Rohren, die mit Igelit bespannt waren – einem kunstlederähnlichen Stoff. Da das Gefährt inklusive Besatzung und Beladung nur knapp 400 Kilogramm wog, reichten Trommelbremsen vollkommen aus. Eine weitere Besonderheit war die vordere Einzelradaufhängung. Und das Verdeck war nur über die beiden Vordersitze gespannt. Erst später war das Fahrzeug vollverkleidet, sodass auch Gepäck trocken transportiert werden konnte.


Die Anfänge des Autos hätten aber in der Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gelegen, sagt Ladislav Šustr. Er ist Vorsitzender des tschechischen „Velorex Club“:


„František Stránský fuhr damals regelmäßig nach Pilsen zum Maschinenbauunternehmen Škoda – und zwar mit dem Motorrad. Wenn es aber regnete, lief der Motor schlecht. Deswegen reifte bei ihm die Idee, etwas zu entwerfen, das nicht stotterte und einen bei schlechtem Wetter besser schützte. So kam er auf das motorisierte Dreirad.“

Dann aber besetzten die Deutschen das Land. Dennoch arbeiteten die beiden Brüder weiter an einem Prototyp…


„Dieser war 1943 fertig. Es handelte sich um ein einfaches motorisiertes Dreirad – verkleidet mit Blechen aus Dural. Und die weiteren Komponenten stammten von Fahrrädern, die die Brüder ausbesserten“, so Šustr.


Besser etwas über dem Kopf

Mit diesem Wagen fuhren die Brüder durch die Gegend – zunächst auf der Böhmisch-Mährischen Höhe, wo sie herkamen. Dann aber unternahmen sie eine Reise auch in weiter entfernte Regionen, wie sich Mojmír Stránský in einer Sendung des Tschechischen Rundfunks im Jahr 2004 erinnerte:



„Als wir zur Motorradfabrik in Strakonice kamen, wurden wir ausgelacht. Der Ingenieur der dortigen Motorroller sagte, wir sollten unser Gefährt mit Benzin übergießen und anzünden. Was wir da hätten, sei schlecht, einfach schlecht. Ich habe ihm entgegnet: ‚Herr Ingenieur, hier ist der Kanister, und wir fahren das ganze Land ab. Wenn es regnet, haben wir ein schönes Dach über dem Kopf. Dass es hässlich ist, tut uns auch leid. Aber wir haben halt kaum finanzielle Mittel‘.“


Und so setzten die beiden Brüder ihre Fahrt mit dem komischen Dreirad fort. An einer Stelle gerieten sie auf der Straße unter die Truppen der Wehrmacht, die aus der Tschechoslowakei abzogen. Anstatt zu schießen, hätten die Soldaten jedoch gestaunt, sagt Mojmír Stránský. Im Rundfunkinterview parodierte er die Reaktion der Deutschen von damals:


„Heh, Franz, schau mal, was dort los ist. Schau, schau, schau – schnell, schnell, schnell…“


Das Dreirad jedenfalls hatte seine Tauglichkeit bewiesen. In der befreiten und wiedervereinten Tschechoslowakei gründeten die Brüder dann ihr erstes Unternehmen: Stránský a spol., also Stránský und Co.

Als 1948 die Kommunisten die Macht übernahmen, wurde es schwierig mit dem Weiterbetrieb der Firma. Aber endlich sollte der Velorex seine Zulassung erhalten. Mojmír Stránský versuchte, ein Patent für den Wagen anzumelden. Denn das kam einem Gewerbeschein gleich und bedeutete, dass man weiterarbeiten konnte. Doch beim Wirtschaftsministerium machte man ihm klar, dass die neuen Machthaber keine Produktion von Autos in Privathand wollten. Der jüngere der beiden Stránský-Brüder dachte also nach. Und weil dem Vater ein Bein fehlte, kam er auf die entscheidende Idee.


„Ich sagte zu meinem Bruder: ‚Alter, wir könnten sagen, dass Invaliden damit fahren sollen.‘ Also bin ich wieder zum Patentamt gegangen und traf dort denselben Beamten. ‚Oh, sie sind ja schon wieder da‘, meinte dieser. ‚Ja‘, sagte ich, ‚wir haben die Sache gelöst: Der Wagen ist für Invaliden.‘ Er kratzte sich am Kopf und meinte: ‚Hm, das ist interessant. Erzähl weiter, Junge!‘ Und ich: ‚Schauen Sie, wir machen das so, dass wir den Wagen anpassen. Wenn etwa dem Kunden ein Bein fehlt, dann wird der Wagen so umgebaut, dass man stattdessen die Hand nehmen kann.‘ Der Beamte sagte dann: ‚Das klappt, Junge. Bringen Sie Ihren Antrag, und Sie können den Wagen herstellen“, sagte Mojmír Stránský.


Und so entstand das erste Modell des sogenannten OS-KAR. Es hatte eine hohe Fahrzeugfront, eine Stufenheckkarosserie und große 19-Zoll-Räder. Zwischen 1950 und 1952 wurden 36 Stück davon gefertigt. Vom Nachfolger mit einer etwas flacheren Schnauze waren es bereits 130 Exemplare.


Aus der Genossenschaft ausgeschlossen


Allerdings mussten die Brüder Stránský ihre Firma schon 1951 in den Genossenschaftsbetrieb Velodružstvo im ostböhmischen Hradec Králové / Königgrätz eingliedern. Andernfalls hätte die Schließung gedroht. Weil die Nachfrage nach dem Wagen stieg, suchte man nach größeren Räumlichkeiten – und fand sie in Solnice am Rande des Adlergebirges. Dort begann die Serienproduktion. Monatlich wurden 30 bis 40 Fahrzeuge an die Kunden geliefert.


Eine dramatische Wende brachte das Jahr 1954. Denn František Stránský, also der ältere Bruder, verunglückte auf eisiger Fahrbahn in seinem Dreirad tödlich. Im März desselben Jahres entstand dann der heute bekannte Name Velorex; aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt heißt das so viel wie „Radkönig“. Zunächst war auch Mojmír Stránský weiter an der Konstruktion beteiligt. Doch nur bis 1955, wie Ladislav Šustr erzählt:


„Dann wurde er wegen Meinungsverschiedenheiten mit der Firmenleitung aus der Produktionsgenossenschaft ausgeschlossen. Ab da trennten sich die Wege des Miterfinders und seines Kindes, des motorisierten Dreirads. Allerdings nicht im Guten. Denn Mojmír Stránský konnte nur noch von außen die weitere Entwicklung verfolgen.“


Die war dann vor allem im folgenden Jahrzehnt stürmisch. Mit dem Velorex 16/350 entstand 1963 das überhaupt erfolgreichste Modell. Die Räder waren mittlerweile auf 16 Zoll geschrumpft, dafür der Motor stärker mit seinen 350 Kubikzentimetern Hubraum. Neue Elemente kamen hinzu wie zum Beispiel ein elastischer Motorfuß sowie ein Vergaser und ein Luftfilter. 12.000 Mal verkaufte sich dieses Gefährt, das nun auch ein akzeptierter Verkehrsteilnehmer wurde. In den 1970er Jahren kam aber das Ende. Zwar planten die Hersteller zu der Zeit einen vierrädrigen Velorex. Doch der konnte seine Kinderkrankheiten nicht ablegen. Letztlich wurde 1973 die komplette Produktion eingestellt.


Zahlreiche Motorfans hatten das Dreirad aber bereits in ihre Herzen geschlossen. In den 1980er Jahren trafen sie sich auch erstmals zu Sternfahrten. Nach der politischen Wende entstand 1990 dann der Velorex Club. Der erste Vorsitzende wurde Ladislav Šustr – und ist es bis heute. Er beschreibt, was das Besondere an der Fahrt mit dem Dreirad ist:


„Man muss sehr vorsichtig in die Kurven fahren, denn der Velorex kippt leicht. Das muss man erst einmal lernen. Zudem ist die Fahrt im Winter speziell, auch wenn das früher gang und gebe war. Heute werden die Fahrzeuge erst im Frühjahr wieder aus der Garage geholt. Sobald aber der erste Schnee fällt, schiebt man ihn lieber wieder dorthin. Denn Schnee und Streusalz setzen dem Velorex ziemlich zu.“

Allerdings haben Ladislav Šustr und seine Mitstreiter seit den 1990er Jahren getestet, was ihr Liebling alles aushält. Bis ans Nordkap sind sie hochgefahren und auch über die Großglockner-Hochalpenstraße. Genauso wurde bei der Geschwindigkeit das Maximum getestet…



„Der Velorex ist für eine Höchstgeschwindigkeit von 85 Stundenkilometer konstruiert. Als angenehme Reisegeschwindigkeit kann man 60 bis 70 Stundenkilometer bezeichnen. Tatsächlich sind aber einige Mitglieder unseres Klubs mit dem Velorex sogar über 100 Stundenkilometer gefahren. Auch ich habe das erlebt. In dem Moment verwandelt sich der Führerschein aber langsam in einen Pilotenschein…“, so der Vereinsvorsitzende.

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