„Vienna meets Prague“: Neun Tage tschechische Kunst und Kultur in Wien


Wien war in den vergangenen Tagen der Veranstaltungsort für ein junges grenzüberschreitendes Festival unter dem Titel „Vienna meets Prague“.


Im Café Westend, in der Exile Gallery, in der tschechischen Botschaft und an anderen Orten konnte das Wiener Publikum tschechischen Schriftstellern, bildenden Künstlern und Musikern begegnen. Vom 12. bis 20. Juni lief „Vienna meets Prague“. Die Kulturmanagerin Anna Rendl hat das Festival ins Leben gerufen:

„Die Idee wurde vor etwas mehr als einem Jahr geboren, und zwar inmitten des Lockdowns. Wir haben uns gedacht: ‚Alle Veranstaltungen werden abgesagt, was machen wir? Wir gründen ein neues Festival.‘ Es war eine sehr gewagte Aktion, sag ich mal. Aber wir hatten auf der anderen Seite als neue Kulturinitiative eine Flexibilität und konnten sehr gezielt auf die Pandemie und auf die Situationen in der Veranstaltungswelt reagieren. Das hat uns gewissermaßen die Arbeit erleichtert.“

Festival trotz Corona

Die junge Österreicherin ist am kulturellen Geschehen in Tschechien stark interessiert:

„Ich fahre sehr oft zwischen Wien und Prag hin und her und habe eine große Liebe und Leidenschaft für die Stadt, vor allem für die junge Kulturszene, zeitgenössische Kunstszene und Musikszene dort. Ich finde, das strahlt unglaublichen Enthusiasmus aus. Man merkt das, wenn man durch Prag geht. Ich fand, dass sich Wien ein bisschen etwas davon abschneiden könne. Und dass es gut wäre, diese Energie nach Wien zu bringen. So ist die Initiative entstanden.“

Im September 2020 gelang es tatsächlich, das erste Festival zu veranstalten. Für das zweite Jahr wurde ein vielseitiges Programm zusammengestellt. Anna Rendl:

„Wir haben zwei Schwerpunkte. Die Idee hinter dem Programm ist, etwas Altes, Traditionelles und Bekanntes und etwas Neues, Zeitgenössisches zu bringen. Etwas Altes wurde in diesem Jahr von Bohumil Hrabal verkörpert, etwas Neues unsere feministische Kunstausstellung ‚Pokorná‘ in der Wiener Exile Gallery mit den beiden Künstlerinnen Martina Smutná und Sáro Gottstein.“

Zeitgenössische feministische Kunst

Die Ausstellung „Pokorná“ (auf Deutsch: Demütig) in der angesagten Galerie in der Elisabethgasse wurde von Anežka Jabůrková kuratiert. Das Thema care work oder Care-Arbeit habe im Mittelpunkt gestanden, sagt die Kunsthistorikerin. Darunter fallen unbezahlte Hausarbeit und Kinderbetreuung ebenso wie bezahlte Pflegearbeit. Eng mit diesem Begriff ist die Tatsache verbunden, dass Frauen den größten Anteil an diesen Tätigkeiten verrichten:

„Die zwei Künstlerinnen setzen sich mit diesem Thema auseinander. Die eine mit Hilfe der Malerei und die andere mit Installation und Bildhauerei. Von Martina Smutná war eine Serie von Gemälden mit dem Namen ‚Wäscherin‘ zu sehen. Es ist eine Auseinandersetzung mit alten Meistern. Die Künstlerin kritisiert quasi das romantisierende Bild weiblicher Arbeit in der klassischen Kunst der alten Meister. Und die Skulpturen von Sáro Gottstein setzen sich mit unserer Wahrnehmung der Arbeit, nicht nur der Hausarbeit, sondern auch der Arbeit von Frauen oder der Pflegearbeit in Fabriken auseinander.“

Das Wiener Café Westend war am vergangenen Wochenende der Hauptveranstaltungsort des Festivals. Zum Auftakt wurde der Film „Perlen auf dem Meeresgrund“ von 1963 in österreichischer Premiere im Kinosaal der tschechischen Botschaft gezeigt. Der Streifen basiert auf fünf Erzählungen von Bohumil Hrabal. Und auch im ersten Podiumsgespräch im malerischen Caféhaus ging es eben um diesen Erzähler. Anna Rendl:

„Bohumil Hrabal gehört zu den bekanntesten tschechischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Dennoch ist er nur wenige Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt, glaube ich, nicht allen Menschen bekannt. Deswegen war es wichtig, ihn noch einmal zu präsentieren. Und das auch mit dem Film, den wir im Kinosaal der tschechischen Botschaft gezeigt haben.“

Bohumil Hrabal im Café Westend

Der zeitgenössische Autor Jaroslav Rudiš gestand bei der Debatte, für seine Arbeit von Hrabal stark beeinflusst zu sein:

„Er hat mir das Zuhören beigebracht. Man hört solange zu, bis man eine Geschichte hat, die man weiterschreiben und erzählen kann. Was ich an ihm sehr schätze, ist seine Neigung, auch den gestrandeten, kleinen Menschen zuzuhören und in jedem Menschen eine kleine, interessante Geschichte oder sogar eine Heldentat zu entdecken. Außerdem mag ich sehr das Philosophische an ihm und vor allem, wie er das Kleine und das Große miteinander verbindet – die kleine und die große Geschichte. Das hat er mir durchaus beigebracht, muss ich sagen, und man findet es auch in meinen Geschichten wieder.“

Die Schriftstellerin Radka Denemarková verwies im Zusammenhang mit Hrabal auf einen Mythos, der in der Welt wunderbar funktioniere:

„Überall in der Welt gefällt den Lesern und Leserinnen die Vorstellung, dass man in Tschechien in den Kneipen sitzt und alle dort diese wunderschönen Geschichten erzählen, die die Schriftsteller verarbeiten können. Und dass diese Geschichten ganz menschlich und nett sind, mit viel Witz, schwarzem Humor und Ironie. Aber für mich ist Bohumil Hrabal wirklich ein Weltautor, der auch ein Philosoph ist. Es ist ihm wirklich gelungen, die Philosophie in sein ganzes literarisches Werk so einfließen zu lassen und mit Lebensgeschichten zu mischen, dass Weltliteratur entstanden ist. Diese Kneipengeschichten sind für mich eher eine Nebensache. Mit der Wahrheit hat das absolut nichts zu tun. In Tschechien gibt es mehr Kneipen, in denen die elementarste Dummheit und Zynismus herrschen. Aber Bohumil Hrabal hat selbst gerne mystifiziert. Er war tief belesen, gebildet, er hat Konfuzius, Laozi und Franz Kafka mehrmals gelesen und studiert. Und auch weitere Weltliteratur. Die Mischung von all dem ist Bohumil Hrabal.“

Radka Denemarková und Jaroslav Rudiš haben sich auch bei selbständigen Lesungen aus ihren eigenen Werken dem Wiener Publikum vorgestellt.

Wie viel Prag steckt in Wien

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussionen im Café Westend waren tschechisch-wienerische Gemeinsamkeiten aus heutiger Perspektive. Die junge Kulturjournalistin Tereza Chaloupková hat das entsprechende Programm gestaltet:

„Ich bin seit 2015 in Wien, weil ich wegen des Studiums hierhergezogen bin. Ich habe immer wieder bemerkt, wie Tschechien, insbesondere Mähren und Wien, eng miteinander verbunden sind und dass man wirklich an jeder Ecke dafür einen Beweis finden kann. Dies hat mich immer fasziniert, ich habe es immer im Kopf gehabt. Deshalb habe ich mir gedacht, dass die Zeit gekommen sei, interessante Menschen, die ich kenne, nach Wien zu holen und mit ihnen darüber zu diskutieren. Dazu gehören ein paar Spezialisten, die sich mit diesem Thema sehr gut auskennen. Zum Beispiel Jiří Kamen, ein Kulturpublizist und Radioredakteur. 2014 hat er das Buch ‚Češi patří k Vídni‘ (Tschechen gehören zu Wien, Anm. d. Red.) veröffentlicht. Es ist ein historischer Abriss zu dem Thema. Die zweite Autorin, die nach Wien gekommen ist, um mit uns zu diskutieren, ist Pavla Horáková. Sie war im vergangenen Jahr auf einer Residenz in Wien, um zu recherchieren. In ihrem Roman, der erst im Herbst veröffentlicht wird, verfolgt sie die Memoiren ihrer Urgroßmutter und verbindet diese wahre Geschichte mit einer Geschichte einer Frau von heute, die gerade im Corona-Jahr 2020 sich in Wien die Spuren dieser Urgroßmutter verfolgt. Pavla Horáková hat mir mitgeteilt, dass sie sich sehr gewundert habe, wie viele Gemeinsamkeiten bestünden und wie wenig wir davon wüssten. Mein Ziel ist es, dem Publikum einen tieferen Einblick anzubieten.“

Für den musikalischen Rahmen sorgten die Girlband Tamara und der seit 2010 in Wien lebende tschechische Gitarrist Václav Fuksa. Dieser sang vor dem Publikum im Saal der tschechischen Botschaft Volkslieder im eigenen Arrangement:

„Das sind schon längst vergessene böhmische und mährische Volkslieder, die von František Sušil gesammelt wurden. Die erste Edition wurde im Jahre 1835 herausgegeben. Ich habe diese Sammlung vor ein paar Jahren entdeckt und mich gleich in die Musik verliebt. Sie war rein und sehr einfach aufgeschrieben, nur Melodie und Text. Das hat meine musikalische Vorstellungkraft geweckt. Ich habe zwei Jahre mit diesen Liedern verbracht, sie arrangiert und in meine eigene musikalische Sprache umgesetzt. Ich singe und spiele eigentlich klassische Gitarre.“

Das Festival wurde in Zusammenarbeit mit der Tschechischen Botschaft, dem Tschechischen Zentrum in Wien, dem Institut für die Wissenschaft vom Menschen und dem Národní filmový archiv in Prag sowie weiteren Institutionen realisiert. Und wie stark ist eigentlich die tschechische Kultur in Wien präsent? Dazu die Initiatorin und Organisatorin von „Vienna meets Prague“, Anna Rendl:

„Ich glaube, dass zum Beispiel das Tschechische Zentrum mit seiner tollen Galerie in der Herrengasse und auch die tschechische Botschaft mit einem guten Kulturprogramm sehr gute Arbeit machen. Aber man kann nie genug Kultur haben, man kann nie genug Vielfältigkeit bringen. Es gibt zum Beispiel auch sehr viele junge Studierende aus Tschechien, junge Künstlerinnen und Künstler, die noch unbekannt sind. Darauf möchte ich stark den Fokus legen: auf junge zeitgenössische Kunst, um eine Plattform für junge Künstlerinnen und Künstler bieten zu können.“

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