Von der Rekatholisierung bis zum Kommunismus: Geschichte der Volkszählung in Tschechien


Seit Ende März sind alle Bewohner Tschechiens aufgefordert, an der Volkszählung teilzunehmen. Der Zensus läuft noch bis 11. Mai. Bisher konnte man den Fragebogen nur online ausfüllen, ab Samstag steht auch die klassische Papierform zur Verfügung. Doch wie wurde früher vorgegangen, etwa zu Zeiten von Maria Theresia oder in der Ersten Republik? Und was hat die Staatsbeamten damals interessiert?

Volkszählungen sind im Prinzip so alt wie der Zusammenschluss von Menschen in staatlichen Gebilden. So wollten bereits die alten Ägypter um 2700 vor Christus wissen, wie viele Menschen in ihrem Herrschaftsbereich lebten. Und zwar aus steuerlichen Gründen. Auch in Mesopotamien, China, Persien, Griechenland und dem Römischen Reich wurden vergleichbare Daten erhoben. Aus dem Mittelalter sind hingegen nur wenige Zählungen bekannt. Und sie waren meist regional beschränkt. So gilt als erster Zensus in den böhmischen Ländern eine Erhebung in Litoměřice / Leitmeritz. Nur wenig ist darüber bekannt, angeblich interessiert im Jahr 1058 die örtliche Kirche, was alles zu ihrem Eigentum gehört. Die Geschichte umfassender Zählungen beginnt hierzulande jedoch erst in der frühen Neuzeit. Allerdings geschieht dies gleich mit einer eher ungewöhnlichen Art der Erhebung. So will der Habsburger Kaiser Ferdinand III. nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wissen, wie die Rekatholisierung vorangekommen ist. Pavel Himl ist Historiker an der Prager Karlsuniversität:

„Deswegen wurde 1651 ein Verzeichnis anhand des Glaubens erstellt. Wichtig war das Bekenntnis jedes Untertanen. Deswegen wurde in den Familien gezählt. Geistliche und Soldaten waren jedoch ausgenommen. Und in einigen Herrschaftsgebieten wurden jene Kinder nicht in die Listen aufgenommen, die noch nicht zur Beichte gingen – wenn sie also jünger waren als zwölf Jahre. In dem entsprechenden Verzeichnis wurde aber ansonsten die gesamte Bevölkerung der böhmischen Länder erfasst.“

Zählung der Katholiken und Nicht-Katholiken

Das Verzeichnis entsteht damals in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Pfarreien. Auch in Česká Třebová / Böhmisch Trübau auf der Böhmisch-Mährischen Höhe werden die Erhebungen durchgeführt. Laut der Leiterin des dortigen Stadtmuseums, Jana Voleská, besteht die Gemeinde im Jahr 1651 aus 355 „Seelen“, wie es heißt:

„Im Kataster wurde immer der Name des Haushaltsvorstands aufgeführt. Bei den weiteren Mitgliedern des Haushalts schrieb man jeweils dazu, in welcher Beziehung sie zum Vorstand stehen. In den Listen lässt sich zum Beispiel ein Mann finden sowie seine Ehefrau und ihre gemeinsamen Kinder. Weiter wird angeführt, ob die Person untertänig ist oder frei und welchen Beruf sie hat. Auch ihr Alter wird genannt, was aber eher mit Vorsicht genossen werden muss. Und letztlich steht bei den Personen der Buchstabe k oder n, also katholisch oder nicht katholisch, wobei dort ein Plus- oder Minuszeichen hinzugeschrieben wurde. Dies sollte darüber informieren, ob bei demjenigen die Chance besteht, dass er zum römisch-katholischen Glauben konvertiert.“ Das Kataster enthält zudem Angaben über den Gesundheitszustand der Menschen, beispielsweise ob jemand blind ist oder nicht zurechnungsfähig.

Kurz darauf ordnet Ferdinand III. aber noch eine zweite Zählung an – diesmal aus dem prosaischen Grund der Steuererfassung. „Im Grunde sollten die Zählungskommissare herausfinden, in welchem Zustand das Land nach dem Dreißigjährigen Krieg war. Sie mussten daher auf Pferden ganz Böhmen durchreiten und aufschreiben, wie viele Grundbesitzer es gibt und wie groß deren Güter sind. Das Ziel war herauszufinden, wie viele Abgaben die Untertanen leisten können“, so Jana Voleská. Das daraus gewonnene Kataster bleibt fast einhundert Jahre in Kraft – bis es unter Maria Theresia geändert wird. Die Kaiserin lässt eine Systematik für Volkszählungen erstellen. So sollen auch erstmals die Häuser erfasst werden, zudem übernimmt der Staat die Kirchenbücher mit den Angaben über Taufen, Trauungen und Todesfälle. Die Daten dienen vor allem den Steuerbehörden und der Armee. Historiker Himl:

„Deswegen wurden die Zählungen sowohl von zivilen als auch von militärischen Zensoren durchgeführt. Letztere wollten sich ein Bild verschaffen, wie viele junge Männer in der Armee eingesetzt werden konnten. Einige Berichte schildern, wie einige Hausherren versuchten, ihre Söhne zu verstecken. Auf der anderen Seite gingen die Zählungskommissionen ziemlich professionell vor. Sie verglichen die Erhebungen an den Türen mit den Geburtsregistern. So konnten sie feststellen, wenn es in den Familien vielleicht noch einen Sohn gab, der vor 15 oder 20 Jahren zur Welt gekommen war.“

Modernes Herrschaftsverständnis

Die Zählungen unter Maria Theresia sind bereits geprägt von einem modernen Verständnis der Herrschaft. Demnach hängen die Stärke und der Wohlstand eines Staates davon ab, dass die Bevölkerung schnell wächst und eine vorteilhafte Altersstruktur aufweist. „Wenn eine Familie groß ist und die Mitglieder gesund sind, kann sie genügend Steuerzahler und Rekruten stellen. Zugleich bestand die Ansicht, dass es schade sei, wenn ein Mensch vorzeitig stirbt, weil er dann seine Fähigkeiten nicht entwickeln kann und für die Allgemeinheit nicht nützlich ist. Damals entstand eine direkte Verbindung zwischen dem Staat und jedem Bürger, denn man war nicht mehr durch die einzelnen Adelsherrschaften voneinander getrennt“, so Historiker Himl. Rund einhundert Jahre später liegt dann der Beginn der regelmäßigen Volkszählungen, in deren Tradition auch die aktuell laufende steht. Konkret geschieht dies am 31. Oktober 1857. Neu ist unter anderem, dass der Zensus an einem einzigen Tag vorgenommen wird. Allerdings werden die Ergebnisse erst zwei Jahre später veröffentlicht. Gemäß dieser „Statistischen Übersichten über die Bevölkerung und den Viehstand von Österreich“ leben damals auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens insgesamt etwas mehr als sieben Millionen Menschen. Alle zehn Jahre werden danach die Erhebungen wiederholt, wie Jana Voleská erläutert:

„Die Volkszählung sollte jeweils in jenen Jahren stattfinden, die auf eine Null enden. Doch das ließ sich nicht immer einhalten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die erste Zählung in der neu gegründeten Tschechoslowakei nicht schon 1920 organisiert, sondern erst 1921. Im Zweiten Weltkrieg wurde ganz pausiert. Auch die Zählung, die ursprünglich 1960 abgehalten werden sollte, fand erst ein Jahr später statt. Die Samtene Revolution führte ebenfalls zu einem Jahr Verspätung, sodass wir uns seitdem an die Einserjahre halten.“ Inhaltlich bedeutet vor allem die Zählung von 1961 einen Umbruch. Erstmals werden systematisch alle relevanten Daten über Einwohner, Hausstände, Wohnungen und Häuser abgefragt. Gerade die Konzentration auf die Haushalte als kleinste Einheit ist weltweit eine Neuerung. Dabei kommt man zu einer überraschenden Erkenntnis: In jeder neunten Wohnung leben damals zwei Haushalte. Jiřina Růžková war viele Jahrzehnte lang beim tschechoslowakischen und später dem tschechischen Statistikamt beschäftigt. Für zwei Zählungen war sie sogar als Amtsleiterin verantwortlich und weiß, dass 1970 eine neue Frage in die Bögen aufgenommen wurde:

„Ist ihr Zusammenleben gewollt oder ungewollt? Das wollte man wissen. Daraus ergaben sich für den Staat wichtige Daten für die Ausrichtung der Wohnungsbaupolitik. Selbst solch eine komische Frage hatte also Sinn.“ In der Folge intensiviert die Nomenklatura den Wohnungsbau. Den gewünschten Effekt belegt dann schon die nächste Zählung von 1980.

Großrechner aus den USA

Zu kommunistischen Zeiten wird zudem bereits auf elektronische Verarbeitungssysteme umgestellt. Museumsleiterin Jana Voleská aus Česká Třebová:

„Erstmals wurde 1970 ein Großrechner zur Verarbeitung der Ergebnisse eingesetzt. Das beschleunigte den Prozess immens, schließlich hatte beim Zensus davor die Auswertung der Fragebögen ganze fünf Jahre gedauert. Mit dem Rechner konnte die Zeit auf anderthalb Jahre verkürzt werden.“ Für die Volkszählung 1980 wird sogar in den USA ein Großrechner eingekauft. Ein weiterer Schritt kommt erst im neuen Jahrtausend: 2001 scannt man die Antworten ein. Zehn Jahre später lassen sich die Fragen dann auch online beantworten. Und dieses Verfahren gilt bei der gerade laufenden Zählung als zentral. Zwar kann man weiterhin Fragebögen aus Papier nutzen, doch die aktuelle Kampagne versucht, die Menschen zur Teilnahme im Internet zu bewegen.

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