Wissenschaftler und Dissident: Zum Tod von Ivan Havel


Der Wissenschaftler Ivan Havel, der Bruder des früheren tschechoslowakischen und tschechischen Staatspräsidenten Václav Havel, ist am Sonntag im Alter von 82 Jahren gestorben. Ivan Havel gehörte während der Samtenen Revolution von 1989 zu den Gründern des Bürgerforums. Jahrzehnte lang befasste er sich mit Informatik, künstlicher Intelligenz, Kognitionswissenschaften und damit verbundenen Fragen. In der heutigen Ausgabe unseres Schauplatzes erinnert Martina Schneibergová an den Wissenschaftler und Bürgerrechtler.


Ivan Miloš Havel wurde am 18. Oktober 1938 in Prag geboren. Sein Vater Václav Maria Havel war Bauunternehmer, seine Mutter Božena Havlová, geborene Vavrečková, war Kunsthistorikerin und Malerin. Ivan und sein älterer Bruder Václav wuchsen in Prag und auf dem Familien-Sommersitz Havlov auf. Ivan erinnerte sich oft an seinen Großvater mütterlicherseits, Hugo Vavrečka. Er war Journalist, Diplomat und Manager bei der Firma Baťa. In einem Gespräch für den Tschechischen Rundfunk 2018 erzählte Ivan Havel, was er alles als Kind gesammelt hat – unter anderem Fossilien, Käfer, Münzen und auch Bücher.


„Ich weiß nicht mehr, was ich als Erstes zu sammeln begann. Ich erinnere mich daran, wie ich in Ottos Konversationslexikon die Namen der Päpste suchte. Ich habe mir den jeweiligen Namen immer aufgeschrieben. Im Lexikon war aber auch der Nachfolger erwähnt. Deswegen blätterte ich weiter und notierte mir wieder den nächsten Papst. Und Großvater Vavrečka, der bei uns zu Hause als Alleswisser galt, ließ mich eine Weile lang in der Enzyklopädie blättern. Anschließend brachte er mir ein Buch aus der Bibliothek, in dem alle Päpste aufgezählt waren. Damit hat er mir die Freude an der Suche ein wenig verdorben. Es war aber schön von ihm, dass er mich eine Weile im Lexikon blättern ließ.“


Der Großvater erklärte dem Enkelsohn auch, wie verschiedene Maschinen funktionieren, wie sich Havel später erinnerte.


Von Schule und Studium ausgeschlossen


Eine dramatische Wende im Leben der Familie bedeutete das Jahr 1948, als die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei ergriffen. Die Havels verloren ihr Eigentum und waren 1952 als dem Regime unbequeme Personen gezwungen, für eine bestimmte Zeit Prag zu verlassen. Ivan und sein Bruder Václav gingen damals an die prestigeträchtige Georg-von-Podiebrad-Internatsschule in Poděbrady. Als Söhne einer großbürgerlichen Familie wurden sie aber vom Unterricht ausgeschlossen und durften danach keine Schule mehr besuchen. Den Eltern wurde vorgeschlagen, Ivan zum Kesselschmied ausbilden zu lassen.






„Dies wäre paradox gewesen. Denn später, als viele Dissidenten in den Heizungskellern arbeiteten, hätten sie mit den von mir hergestellten Kesseln geheizt. Die Ausbildung zum Kesselschmied lehnten wir jedoch damals ab. Die Familie fand anschließend zwei andere Möglichkeiten für mich. Ich konnte entweder Koch oder Feinmechaniker werden. Ich entschied mich für den Feinmechaniker, denn Maschinen und Mechanismen haben mich schon immer interessiert.“


Trotz der Ausbildung konnte Ivan Havel aber das Abitur machen – und zwar an einer Abendschule. Nach dem Militärdienst machte er ein Fernstudium an der Technischen Universität in Prag, und zwar im Fach „Automatisierung und Computer“. In der Zeit der politischen Entspannung in den 1960er Jahren reiste er in die USA, um an der renommierten Universität im kalifornischen Berkeley zu promovieren. In seinem Doktorstudium befasste er sich mit der Metatheorie der Programmiersprachen. 1971 kehrte Ivan Havel in die Tschechoslowakei zurück, es war die neostalinistische Zeit der sogenannten „Normalisierung“. Diese hatte nach der Niederschlagung des Prager Frühlings begonnen. Ivan Havel hat sich einmal für das Zeitzeugenprojekt Paměť národa daran zurückerinnert:


„In der Zeit, als ich in den USA war, begann die sogenannte Normalisierung. Natürlich hatte ich Informationen aus der Tagespresse oder den Sendern Radio Free Europe beziehungsweise Voice of America. Man wusste, dass sich etwas geändert hat. Aber in Gedanken war ich im Jahre 1968 hängengeblieben. Ich lebte in einer Illusion, und das war mein großer Irrtum. Ich war davon überzeugt, dass sich die Menschen nicht ändern würden, die im Widerstand gegen einen gemeinsamen Feind miteinander solidarisch gewesen waren. Der Feind waren die Russen, die das Land besetzt hatten. Ich dachte, dass sich die Menschen trotz des totalitären Regimes gegenseitig helfen werden. Ich kehrte dann zurück mitten in die harte Zeit der Normalisierung. Die Menschen hatten sich innerhalb von zwei, drei Jahren gewandelt. Die Bolschewiken hatten die Freiheiten allmählich eingeschränkt und nicht von einem Tag auf den anderen. Deswegen hatte es keinen unmittelbaren Grund gegeben, sich dagegenzustellen. Mit der Solidarität war aber Schluss. Die Leute zogen sich zurück. Sie verkrochen sich in ihre Wochenendhäuser und wandten ihre gesamte Energie dazu auf, diese Häuser herzurichten oder am Motor ihres Autos herumzuschrauben. Öffentliches Engagement versuchten sie aber zu meiden.“


Wegen des politischen Engagements seines Bruders Václav Havel wurde der Wissenschaftler aus dem Institut für Computertechnik geworfen. Er durfte jedoch bis 1980 an der Akademie der Wissenschaften arbeiten. Ab Ende der 1970er Jahre organisierte Ivan Havel dann Hausseminare zu unterschiedlichen wissenschaftlichen Themen. 1979 wurde er Hauptorganisator der Samizdat-Edition Expedice, die er von seinem Bruder Václav übernahm. In den 1980er Jahren war Ivan Havel als Programmierer im Betrieb Meta angestellt, wobei er von zu Hause arbeiten durfte. 1981 wurde er gemeinsam mit vielen weiteren Dissidenten verhaftet. Damals flog ein Netz von Menschen auf, die verbotene westliche Literatur in die Tschechoslowakei schmuggelten. Zum Gerichtsprozess kam es allerdings damals nicht.


Mitbegründer des Bürgerforums


Dann begann die politische Wende. Am 17. November 1989 nahm Ivan Havel zusammen mit seiner Frau Dagmar an der Studentendemonstration in Prag teil. Auf der Nationalstraße wurde Ivans Frau gleich zu Beginn von einem Polizisten mit dem Knüppel verletzt. Deswegen blieben die Havels nicht bis zum Ende, sondern gingen nach Hause. Am Samstag fuhren sie ins Wochenendhaus. Ivan Havel hat den Beginn der Samtenen Revolution im erwähnten Zeitzeugenprojekt beschrieben:


„Am Samstag passierte eigentlich nichts. Aber an den Hochschulen und in den Theatern begannen die Streiks. Dann hörte ich im Radio die Nachricht über einen toten Studenten. Da dachte ich mir, dass das nun der letzte Tropfen sein müsse, der die Leute auf die Straßen treibt. Am Sonntag fuhren wir zurück nach Prag. Mein Bruder wohnte damals bei uns in der Wohnung. Als wir ankamen, kam gerade eine Gruppe von Dissidenten aus unserer Wohnung. Sie sagten, dass sie sich entschieden hätten, so etwas wie ein Bürgerforum zu gründen. Ich weiß nicht, wie der Name Bürgerforum entstanden ist. Ich erfuhr von ihnen nur, dass am Abend ein Treffen unabhängiger Initiativen im Theater Činoherní klub stattfinden sollte. Also ging auch ich dorthin und war dabei, als verschiedene Reden gehalten wurden. Das Treffen war sehr lebendig und spannend, alles wurde improvisiert. Es gibt schöne Aufnahmen von den bekanntesten Dissidenten, die auf dem Podium sitzen.“


Ivan Havel war ein halbes Jahr im Koordinierungszentrum des Bürgerforums tätig. Vor allem beteiligte er sich daran, der Initiative eine Struktur zu geben. 1990 entstand dank Ivan Havel an der Prager Karlsuniversität das Zentrum für theoretische Studien. Im selben Jahr übernahm er auch die Chefredaktion der populärwissenschaftlichen Zeitschrift „Vesmír“ (Das Weltall).


Von der Kandidatur seines Bruders für das Präsidentenamt erfuhr Ivan seinen Worten zufolge erst, nachdem Václav schon zugesagt hatte. Für das Zeitzeugenprojekt hat Ivan Havel das so zusammengefasst:




„Ich habe bis heute das Gefühl, dass bei seiner Entscheidung auch die Tatsache vielleicht unbewusst eine Rolle spielte, dass er zwar Autor seiner Schauspiele war, aber nicht Regisseur. Ihm fehlte die Möglichkeit, direkt Regisseur zu werden, und dies verwirklichte er in der Politik. Regie führte er mit Lust, er entschied darüber, wer mit wem zusammentrifft, wer aus dem Ausland eingeladen wird – der Dalai Lama oder der Papst. Das hatte er sehr gut durchdacht.“


Im Schatten seines Bruders?


Laut Ivan Havel gab es außer seinem Bruder Václav niemand anderen, der imstande gewesen wäre, die Menschen zu einen und zugleich im Ausland Sympathien für die Tschechoslowakei zu gewinnen. Selbst habe er jedoch nie das Gefühl gehabt, im „Schatten“ seines Bruders zu stehen.



„Ich erkenne sehr leicht, wenn jemand den Eindruck vermitteln möchte, mich nicht in diesen Schatten stellen zu wollen. Und jemand anderes stellt mich selbstverständlich in den Schatten, denn natürlich ist mein Bruder im Weltmaßstab bedeutender. Es gibt verschiedene Haltungen. Ich habe mich nie irgendwie beschädigt gefühlt, ich bin in dieser Richtung nicht sehr empfindlich.“


Als Wissenschaftler versuchte Ivan Havel, sich selbst und seine Umgebung mit Abstand und Selbstreflexion zu beobachten. Er empfahl, alles immer mit Abstand und aus der Vogelperspektive zu verfolgen und weder in Stolz zu verfallen, noch sich selbst bloßzustellen.


2008 wurde Ivan Havel mit der Goldmedaille der Karlsuniversität ausgezeichnet. 2012 wurde ihm vom Institut für das Studium totalitärer Regime der Václav-Benda-Preis verliehen. 2017 wurde er Ehrenmitglied der Tschechischen Gesellschaft für Kybernetik und Informatik.


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