Škoda im Spagat

Unter Klaus Zellmer richtet sich der Autohersteller neu aus. Mehr Einstiegsmodelle sollen Billiganbieter auf Abstand halten – ohne die Marke zu beschädigen. Für die Heimat Tschechien steht viel auf dem Spiel.

Es wirkt, als wenn die Toten in Mladá Boleslav noch immer über ihr Lebenswerk wachen. Auf einem Friedhof im Süden der tschechischen Industriestadt liegen Václav Klement und Václav Laurin begraben auf einem kleinen Hügel, von dem man die Škoda-Fabrik sieht, die sich über große Teile des Stadtgebiets ausbreitet.

Vor mehr als einem Jahrhundert legten die beiden Tüftler Klement und Laurin in dem Ort nahe Prag den Grundstein für den Autohersteller Škoda, und noch immer werden sie wie Heilige verehrt, auch wenn das Unternehmen längst zum Volkswagen-Konzern gehört und sich jetzt noch stärker global ausrichtet, auf Schwellenländer wie Indien oder Vietnam. „Škoda hat in Tschechien starke Wurzeln, und das spürt man natürlich auch bei den Menschen“, sagt Vorstandschef Klaus Zellmer. „Sie tragen die Marke im Herzen und sind bereit, dafür zu kämpfen.“

Zellmer, 54 Jahre alt, steht seit drei Monaten an der Spitze des Unternehmens. Er ist im VW-Konzern großgeworden, hat lange für Porsche gearbeitet und soll jetzt in Tschechien eine der bekanntesten und erfolgreichsten Volumenmarken Europas neu ausrichten. Ein schwieriger Spagat. Denn der Stolz der tschechischen Belegschaft auf hochwertige und gleichzeitig preisgünstige Autos wie den Mittelklasse-Kompaktwagen Octavia muss sich in übergeordnete Konzerninteressen einfügen. Ärger gab es immer wieder mit der mächtigen Wolfsburger Stammmarke VW, die sich durch preiswerte Angebote von Škoda bedrängt sah.

„Auf Augenhöhe mit VW“

Dass Deutsche das mit Abstand wichtigste Unternehmen des Landes führen, daran haben sich die Škodovácí (zu Deutsch: Skodianer), wie sie sich selbst nennen, längst gewöhnt. Zellmer hat nun eine weitere Hypothek mitgebracht. Denn zuletzt saß er als Vertriebschef für knapp zwei Jahre im Vorstand der Marke VW. Viele in der Belegschaft dürften das als Zeichen gedeutet haben, dass der Konzern in Wolfsburg seine tschechische Marke stärker in die Schranken weist.

Im Gespräch mit der F.A.Z., seinem ersten großen Interview als Chef am Stammsitz in Mladá Boleslav, betont er umso deutlicher, dass es ihm keinesfalls darum geht, das Unternehmen abzuwerten. „Škoda muss auf Augenhöhe mit VW sein, um seine Ziele erreichen zu können“, sagt er. „Das heißt aber nicht, dass wir das Gleiche machen, sondern dass wir uns auf unsere Stärken besinnen und klar differenzieren, etwa durch die Designsprache.“

Klaus Zellmer
Klaus Zellmer :Bild: Robert Gommlich

Eine klare, einfachere Optik und Funktionalität der Fahrzeuge soll Škoda stärker abgrenzen, ohne die Bandbreite an Autos zu beschneiden, im Gegenteil: Selbst in höherpreisigen Segmenten greifen die Tschechen weiter an. Gleichzeitig sollen sie neue Modelle im Einstiegssegment in den Markt bringen. Ziel: Mehr Schlagkraft im Ringen mit niedrigpreisigen Rivalen, auch in Schwellenländern – mit der Folge, dass Škoda eine so breite Zielgruppe ansprechen wird wie keine andere Marke im VW-Konzern.

Dass es nicht leicht wird, diese Ansprüche unter einen Hut zu bringen, daraus macht Zellmer kein Geheimnis. „Wir vergrößern den Fußabdruck von Škoda in der globalen Automobilindustrie“, sagt er. „Das ist eine große Herausforderung, aber wir nehmen sie gerne an.“

Erster großer Schritt auf dem Weltmarkt unter seiner Ägide ist der Einstieg in Vietnam. In dem südostasiatischen Land hat Škoda am Freitag Verträge mit einem lokalen Partner unterzeichnet, jetzt sollen die Verkäufe zügig Fahrt aufnehmen. „Wir sehen dort großes Wachstumspotential für Škoda“, kündigt Zellmer an. 30.000 verkaufte Fahrzeuge im Jahr sind sein erstes Ziel, bis Ende des Jahrzehnts dann 40.000, was einem Marktanteil in Vietnam von 4 Prozent entspricht – mit Ambition auf weitere Zuwächse.

Erst wollen die Tschechen Autos aus Europa importieren. Später kommen Bausätze aus Indien, wo schon heute günstige Modelle wie der Slavia und der Kushaq vom Band laufen, ausgestattet mit Verbrennungsmotoren, die in Schwellenländern noch lange dominant bleiben. Eine Endmontage vor Ort ist mit dem Automobilunternehmen Thanh Cong Motor geplant. Sie wird unabhängiger von globalen Lieferketten machen – ganz im Sinne der „local for local“-Strategie, mit der alle Hersteller auf die angespannte Weltlage reagieren.

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