Stalinistisches Studentenheim – leicht ironisch gestaltet

Das Häschen schnuppert mit dem Näschen, der Vögel trällert in den Blüten des Baumes, und der Spaten steht als Symbol der Arbeiterklasse entspannt in der Gegend herum… Ja, so sieht es aus, das sozialistische Werktätigenparadies. Irgendwie fast putzig. Dafür, dass sich politisch die stalinistische Epoche in der Tschechoslowakei über den Tod Stalins (1953) hinaus bis tief in die Amtszeit von Parteichef Antonín Novotný in den frühen 1960er Jahren andauerte, hat Prag recht wenig an genuin stalinistischer Architektur zu bieten. Dann aber bis an die Grenzen der Selbstparodie. War das Absicht?

Der fünfstöckige Wohnblock in der Křížkovského 2420/4, Ecke Ševčíkova, im Stadtteil Žižkov ist da die Ausnahme und ein gerade archetypisches Beispiel für die stalinistsche Architektur des Sozialistischen Realismus (oft auch Zuckerbäckerstil genannt). Noch mehr als die etwas bekannteren Beispiele, wie das legendäre Hotel International in Prag Dejvice (wir berichteten) und der große Studentenheimkomplex Podolí Schlafsäle (Koleje Podolí) im Stadtteil Podolí (auch hier), führt er die innere Absurdität dieser Stilepoche deutlich vor Augen. Das Sgrafitto mit Häschen und Vögeln könnte es kaum besser ausdrücken: Die vorgeblich revolutionär-fortschrittliche Ideologie des Kommunismus gebahr ein ausgesprochen konservatives und geradezu kleinbürgerliches Kunstverständnis.

Architekt des Hauses, das 1956 (wie man auch einem der Sgrafitti – siehe rechts – entnehmen kann) fertigestellt wurde, war Jiří František Kaisler. Der wurde später in den Jahren 1959 bis 1961 für seine Pläne für die im Auftrag von Antonín Novotný erbaute Präsidentenvilla in Orlík nad Vltavou (Mittelböhmen) die, die eher als ein großgeratenes Wochenendhaus konzipiert wurde. Da war allerdings der stalinistische Zuckerbäckerstil endgültg passé und er durfte ein tatsächlich modernes und progressiv anmutendes Haus im Stil des Funktionalismus bauen. 1956, als in der Sowjetunion Chruschtschows bereits seit drei Jahren „entstalinisiert“ wurde (das sogenannte Tauwetter), musste Kaisler allerdings noch auf die alte Art und Weise bauen. Aber man muss zugeben, dass er dabei äußerst zurückhaltend und wenig brachial vorging. Dadurch, dass dann auch noch die Sgrafitti ironisierend wirken, ist der ideologische Punkt sehr entschärft.

Das ist ihm im Großen und Ganzen nicht einmal so schlecht gelungen. Das Haus mit dem etwas versetzten Risalit, über dem es turmförmig sechs Stockwerke hat, ist einigermaßen in seine Umgebung eingepasst, die von Architektur aus der Zeit der Ersten Republik zwischen Weltkriegen geprägt ist. Es ist nicht mit einem Überschwang an skulpturalen Elementen überladen, wie es sonst in der stalinistischen Baukunst der Fall war. Dennoch wirkt es für ein hauptsächlich als Wohngebäude konzipiertes Gebäude ein in seiner leicht überdimensionierten Gestaltung und dem klassizistischen Eingangsbereich eher wie ein öffentliches Amtsgebäude. Aber im Kommunismus war das Private ja öffentlich und dem Gemeinschaftscharakter gebührte der Vorrang.

Und dann sind da die künstlerischen Aspekte… Dazu gehören die selbst im Kontext des Stalinismus schon leicht absurden und fehlplatzierten Sgrafitti über dem obersten Geschoss, an denen man leicht ob ihrer Höhe achtlos vorbeigehen kann, die aber – wenn man sie bemerkt – unweigerlich zum Schmunzeln einladen. Irgendwie passen sie mit ihren pastoralen Kleinszenen nicht so recht zu dem pompösen und offiziösen Charakter des Gebäudes. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb muss man sie einfach lieben. Neben dem schnuppernden Häschen mag ich besonders die kleine Katze auf einem Baumstumpf, unter der ein friedlich dreinschauender Fuchs sitzt. Auch die Widersprüche im Tierreich scheinen im Sozialismus aufgehoben zu sein und höherer Harmonie gewichen zu sein. Nur der bürgerliche Klassencharakter der überwundenen kapitalistischen Ordnung schien sie zu Gegner gemacht haben…

Neben den putzeligen Sgrafitti oben sind noch die skulpturalen Elemente auf Höhes des Erdgeschosses bemerkenswert. Sie vermitteln eher den (wesentlich ernsteren) Eindruck, dass sie zu einem öffentlichen Administrationsgebäude gehören und nicht zu einem Mietshaus. Die Reliefs auf den Schlusssteinen der Fenster repräsentieren milde Versatzstücke der herrschenden Ideologie über den Zusammenhang von Arbeit und Wissenschaft (denn der Kommunismus beantspruchte, umgesetzte Wissenschaft zu sein). Ausgedrückt wird das in einfach verständlicher Symbolsprache: Ein Zirkel, ein Mikroskop, das Medizinerlogo Äskulapnatter und etliches mehr. Aber der tiefere Grund für die Wissenschaftsästhetik ist, dass es um ein unmittelbares Nachbargebäude bzw. eine Art Anbau des Kolej Švehlova (Švehla Kolleg) handelt, dem berühmten avantgardistischen Studentenheim aus der Zeit der Ersten Republik, über das wir letztens berichteten. Die Zahl der Studenten war in der Nachkriegszeit gestiegen und es galt, das Streben nach Wissenschaft auch bei der Gebäudeästhetik zu versinnbildlichen.

In den Proportionen passen das republikanische (kubistische) und das realsozialistische Studentenheim durchaus einigermaßen harmonisch zusammen, was auch daran liegt, dass sich Kaisler mit dem Zuckerbäckerdekor sehr zurückgehalten hat und zwar eine konservative, aber keine kitschige Architektur präsentierte. Die eigentliche Konzession an den Stalinismus besteht, wie gesagt, in der sachlichen klassizistischen Formgebung, was sich insbesondere am großen Eingangsportal zeigt. Außerdem wurde bei den steinernen Bauteilen der selbe Rot-Ton gewählt wie beim Švehla Kolleg.

In sie wurden die allegorischen Skulpturen eingesetzt. Deren Schöpfer war der Bildhauer Jindřich Severa, ein Schüler des bedeutenden Bildhauers Otakar Španiel, dem wir unter anderem die Masaryk-Statue auf der Burg verdanken. Severa war nicht so eindeutig republikanisch orientiert wie sein Lehrer, und schien als bekennender Kommunist sowohl politisch als auch künstlerisch mit dem Sozialistischen Realismus im Reinen zu sein. Aber er war ein handwerklich solider und begabter Künstler. Nun waren Allegorien und Portraitbüsten als architektonisches Designbestandteil 1956 im Westen schon ein wenig antiquiert, aber Severa hat auch sie so maßvoll eingesetzt, dass kein roter Kitsch entstand.

Das gilt auch für die drei Portraits von großen Wissenschaftlern im Eingangsportal, die ja auch thematisch passen. Es sind dies (v.l.n.r.): Bernard Bolzano, ein katholischer Theologe, Philosoph und bedeutender Mathematiker des frühen 19. Jahrhunderts, der sich in einigen politischen Schriften als durchaus radikal-aufgeklärter Denker erwiesen hatte. Jan Evangelista Purkyně (wir berichteten bereits hier), ein Naturwissenschaftler der Mitte des 19. Jahrhunderts, dessen Entdeckungen im Bereich der Physiologie (besonders der Zellforschung) bis heute maßgeblich sind, und dem die Kriminalistik die Analyse der Fingerabdrücke verdankt. Und Bedřich Hrozný, ein ehemaligee Rektor der Karlsuniversität, der zu den bedeutenden Altphilologen des Landes gehörte. Er entzifferte 1915 erstmals systematisch das Hethitische.

Auffallend ist, dass alle drei vielleicht für wissenschaftlichen Forschritt und Modernität standen, aber sich keineswegs direkt in die vorherrschende ideologische Linie einordnen lassen. Vielleicht sind die Zurückhaltung beim Dekor, der leicht surreale Charakter der Sgrafitti und die vergleichsweise wertneutrale skulpturale Ausstattung ein Indiz für den vorsichtigen Versuch, sich der künstlerischen Gängelung und Einengung des Systems wenigstens ein bisschen zu entziehen und ein paar subtile Nuancen von Freigeist walten zu lassen oder wider den Stachel zu löcken (ein deutlicheres Beispiel dafür zeigten wir hier). Und so bleibt das Studentenheim in der Křížkovského gleichermaßen ein Gebäude, das an eine Schreckenszeit erinnert, und ein Gebäude, das zum Grübeln einlädt. (DD)

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