Sympathisches Museum mit Gruselexponaten

Heute ist Halloween. Da gibt es in diesem Blog immer etwas Gruseliges zu sehen. Wie dieses verrostete Fass zum Beispiel. In das wurde dereinst die Leiche eines ermordeten Menschen gesteckt, der wurde danach mit Säure übergossen, anschließend noch einmal in Wasser gekocht und dann von einer Brücke aus in den großen Orlík-Stausee geworfen. Als das Fass nach einiger Zeit gefunden und herausgeholt wurde, hatten die Forensiker mit dem Inhalt keine schöne und leichte Arbeit vor sich…

Solch schaurige Dinge kann man massenhaft begutachten im Polizeimuseum der Tschechischen Republik (Muzeum Policie ČR) in der Ke Karlovu 453/1 in der Neustadt. Aber nicht nur. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, wie groß, vielfältig und interessant so ein Polizeimuseum sein kann, bevor man dieses gesehen hat. Die oben erwähnten Orlík Mörder (Orličtí vrazi), eine kriminelle Bande, die in den Jahren 1991 bis 1993 sechs (meist etwas zweifelhafte) Geschäftsleute mit windigen Geschäften gegen Bares anlockten, sie dann aber ermordeten, das Geld einsteckten und die Leichen in Fässern versenkten, werden auch eher ein Beispiel für erfolgreich angewandte wissenschaftliche Kriminalistik bei der Entlarvung präsentiert, denn als Horrorshow. Nun ja, wie man oberhalb links bei dieser Dokumentationstafel über vorsätzlich verursachte Schädelfrakturen sieht, sind die Übergänge zwischen Wissenschaft und Grusel natürlich manchmal fließend.

Weder, dass es hier gruselig, noch dass es hier so umfassend informativ zugeht, kann man erraten, wenn man sich dem schönen und friedlich aussehenden Gebäude nähert. Es handelt sich um ein mit der wunderschönen barockisiert-gotischen Kirche St. Marien und Karl der Große (Kostel Nanebevzetí Panny Marie a sv. Karla Velikého na Karlově – wir berichteten hier) verbundenes Gebäude, das einmal dem Kloster gehörte, zu dem die Kirche einst gehörte. Die Kirche aus dem Jahr 1354, die in den 1730er Jahren barock umgebaut wurde, ist passenderweise heute so etwas wie die Stammkirche der Christlichen Polizei-Vereinigung (Křesťanská policejní asociace).

Zurück zum Museum: Der schon seit 1785 säkularisierte Bau wurde 1960 (also in kommunistischen Zeiten) dem Innenministerium übergeben, das hier 1965 ein Museum für den Grenzschutz einrichtete, dann 1973 eines für die nationale Sicherheit. Alles stramm an der herrschenden Ideologie ausgerichtet. Immerhin schuf man im Gartenbereich 1982 einen Verkehrskindergarten, was auch heute noch politisch wenig anrüchig erscheint. Mit dem Fall des Kommunismus 1989 war die Chance gekommen, das Ganze vom ideologischen Ballast zu entrümpeln und auf seine umfassende Ausstellung zur Geschichte und den vielen Tätigkeitsfeldern der Polizei in der Tschechoslowakei/Tschechien zu konzipieren – ohne die dunklen Seiten auszublenden. Und so wurde das Museum 1991 eröffnet und seither immer wieder verbessert.

Ein wesentlicher Teil des Museums ist der Geschichte des Polizeiwesens seit der Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1918 in allen Aspekten gewidmet. Die Polizei und Gendarmerie des alten k.u.k. Habsburgerreichs, aus der es ja letztens historisch erwuchs, wird nur knapp als Einführung dargestellt. Aber unter den ausgestellten Stücken über diese Zeit befinden sich durchaus – insbesondere, wenn es um altertümliche Bewaffnung geht (Bild rechts) – recht ansehnliche Stücke. So vorbereitet bekommt man im Folgenden ein Gefühl dafür, wie rapide sich das Polizeiwesen im Guten wie im Bösen danach im Lande entwickelte. Und so ist es auch gemeint. Auch wenn das Ganze dem Innenministerium gehört und die Sache unter großer und enthusiastischer Beteiligung der Polizei organisiert wird (Museumsdirektor Radek Galaš war selbst bei der Polizei und hatte an der Polizeiakademie studiert), werden die Schattenseiten aus den dunkleren Kapiteln der Geschichte nicht ausgeklammert.

Im Bild links sieht man eine Offiziersmütze mit rotem Stern aus dem Jahr 1954, die einem Mitarbeiter der Staatssicherheit StB (Státní bezpečnost), die wie kaum eine andere Organisation für die direkte politische Repression und Bespitzelung stand. In den 1980er Jahren arbeiteten 12.500 fest angestellte und 75.000 informelle Mitarbeiter für den StB, um Bürger zu überwachen, einzusperren und oft sogar zu ermorden (einen Fall beschrieben wir hier). Erst die Samtene Revolution von 1989 setzte diesem grausamen Spuk ein Ende und der StB wurde Anfang 1990 aufgelöst.

Da es der Anspruch des Museums ist, alle Sicherheitskräfte im Museum zu erfassen, kommt auch der Grenzschutz nicht zu kurz, dessen opferreiche Arbeit in den 1930er Jahren gegen Hitlers Saboteure und Terroristen einerseits geradezu zelebriert, aber dessen Funktion als (neben dem StB wohl offenkundigsten) Teil des kommunistischen Terrorsystems deutlich herausgestellt wird. Einer der vielen Menschen, die auch privat von der eisernen Grenze zwischen Kommunismus und Freiheit „profitierten“, war Hubert Pilčík. Der brutale Serienmörder gab sich als Fluchtorganisator aus, ermordete aber zwischen 1948 und 1951 eine immer noch unbekannte Zahl von Ausreisewilligen, um sie auszurauben. Die 12jährige Nichte zwei seiner Opfer fesselte er auf dem rechts gezeigten Brett, wobei ihr Kopf in die schalldichte Kiste am Ende gesteckt wurde, damit er sie über längere Zeit ungestört foltern und vergewaltigen konnte. Dann zwang er sie, Briefe zu schreiben, in denen sie berichtete, dass Onkel und Tante (in Wirklichkeit grausam ermordet) glücklich in Bayern lebten und sich wünschten, das Pilčík der Vormund der Nichte werde. Der Anblick der Kiste lässt einem das Blut erstarren vor so viel abgrundtiefer menschlicher Niedrigkeit. Als er 1951 verhaftet wurde, beging Pilčík im Gefängnis Selbstmord. Dass ihm das trotz aller Sicherheitsvorkehrungen gelang, hat immer wieder zu (nicht endgültig beweisbaren) Gerüchten geführt, dass er zumindest eine zeitlang mit dem StB unter einer Decke steckte, der in diesen Zeiten die Jagd auf „Republikflüchtige“ brutal verschärfte.

Jetzt aber zu den etwas harmloseren Aspekten: Die Polizei fängt ja auch richtige Verbrecher oder regelt den Verkehr und tut auch sonst durchaus Sinnvolles. Und dabei musste sie immer technisch mit dem Fortschritt der Zeit mithalten. Links sieht man eine damals moderne Wachstation aus den späten 1920er Jahren. Die verfügte über einen Telegraphen, eine kleine Telefonzentrale, eine (manuelle) Schreibmaschine und über ein Radio (Röhrengerät). Supermodern war das damals!

In den 1970er Jahren hatte man schon, wie das Bild rechts zeigt, die ersten sehr großen, aber vergleichsweise noch wenig leistungsstarken Computer und bediente sich des Funkverkehrs. Lautsprecheranlagen und Telefone, die keine Zentrale mehr brauchten, sondern nur eine Wählscheibe, waren irgendwie damals bereits Selbstverständlichkeiten. Und dabei war man damals im Kommunismus sicher noch nicht annähernd so technisch fortgeschritten wie im Westen…

Überhaupt ist das Museum auch etwas für Technikbegeisterte. Das gilt schon alleine für die geradezu gigantische Sammlung an Polizeifahrzeugen aller Zeiten und vor allem aller Arten – so etwa die Motorräder, von denen wir links eine Auswahl sein. Um mit den zu jagenden Bösewichtern mithalten zu können, musste die Polizei stets zu Lande, zu Wasser und zur Luft mobil sein. Auf einigen wenigen Fahrzeugen kann man sogar „Probesitzen“, was eines von vielen Dingen ist, warum das Museum auch bei Kindern außerordentlich beliebt ist, und die sich an den Leichenfässern und ähnlichen Gruselstücken anscheinend weniger stören als man annehmen könnte.

Was so groß ist, dass man es nicht in den Räumlichkeiten unterbringen kann, steht draußen im Garten. So zum Beispiel der riesige Polizei-Helikopter sowjetischer Provenienz vom Typ Mil Mi-2. Der Typ wurde 1961 entwickelt und ging 1962 in Produktion. Rund 5450 wurden bis 1986 gebaut und für die tschechoslowakische/tschechische Polizei waren sie von 1972 bis 1996 im Einsatz. Der Hubschrauber ist neben allerlei Dienstautos, Lastwagen und sogar Polizeibooten eine der Attraktionen des Museumsgarten.

Die Attraktion schlechthin ist ein aber Fahrzeug, dass auf den ersten Blick definitiv einem Kleinpanzer ähnelt. Tančík (Tänzer) nennt man das Exponat und es sieht nur aus wie ein Panzer. Sogar das vermeintliche Kanonenrohr ist nur ein Guckloch. Mit diesem aus verschiedenen Autoteilen (ein Wartburg 311 lieferte u.a. den Rahmen) und anderen Gebrauchtteilen zusammengebastelten Fahrzeug hatte 1970 der Schlosser Vladimír Beneš zusammen mit seiner Frau und vier Kindern (sie waren wohl recht dicht gedrängt drinnen) versucht, den Grenzwall bei Hrušky nach Österreich zu durchbrechen. Leider hatte das Gerät, von dem man nicht weiß, ob es furchterregend oder putzig aussieht, auf dem Weg eine Panne. Man ließ den „Panzer“ zurück. In Absprache mit seiner Familie floh Beneš, dem eine heftige Strafe drohte, wenn das Gerät erst einmal gefunden worden war, erst einmal alleine ohne „Panzer“. Das gelang ihm anscheinend recht leicht. Seine zurückgebliebene Frau wurde zu einer leichten Haftstrafe verurteilt, die bald verkürzt wurde. Sie und die Kinder durften 1977 in die USA ausreisen, wo sie alle wieder vereint waren. Der kleine Tančík, den die Polizei bald fand und aufbewahrte, steht heute im Museum als ein Dokument dafür, was Menschen alles für ihre Freiheit wagen. Dass man ihn vor einiger Zeit etwas poppig bunt bemalt hat, verleiht ihm eine gewisse tragik-komische Note.

Seien noch etliche der unzählig vielen Themen und Aspekte kurz erwähnt: Verkehrskontrollen, berittene Polizei, Geldfälscherei, Bürokratie, Polizeihundeschulung, berühmte Kriminalisten (etwa den berühmten Regierungsrat Josef Vaňásek, den wir schon hier erwähnten) und vieles, vieles mehr. Generös wie man ist, hat auch die Feuerwehr, die ja auch im Dienst der öffentlichen Sicherheit steht, eine eigene Abteilung. Auch dies eine Geschichte technischen Fortschritts. Im Bild rechts sieht man vorne einen Feuerwehrmann aus den 1920er Jahren, der noch keinen Schutzanzug, sondern eine schnieke Uniform trägt. Dahinter ein dem Katastrophenschutz verpflichteter Feuerwehrmann aus der Zeit des Kalten Krieges. Der ist sehr viel umfassender geschützt und moderner ausgerüstet.

Über alle die Schaustücke, die man sieht, sollte man ab und an auch mal an das Gebäude denken, in dem sie sich befinden. Das war ja mal ein prachtvoll barock gestyltes Kloster. Also: Hin und wieder den Blick nach oben schweifen lassen, um die nicht polizeilich relevanten Stuckarbeiten auf der Decke zu bewundern, die zum Teil noch mit herrlichen Fresken versehen sind! Touristen verirren sich in dieses Museum eher selten, obwohl das Museum auch für sie einen hohen Erlebniswert haben dürfte. Der einzige kleine Wermutstropfen ist dabei leider, dass fast alle Beschriftungen der Exponate ausschließlich in Tschechisch sind. Man sollte sein Smartphone mitnehmen, um wenigstens das Wichtigste mitzubekommen – obwohl vieles sich auch von selbst erschließt.

Und dann sind da noch die, um die es geht: Die Polizisten. Die tragen „ihr“ Museum mit Begeisterung. Die Photos für diesen Beitrag entstanden bei der Museumsnacht im Juni dieses Jahres. Personal und Polizisten führten die Besucher begeistert durch die Räume. Die Polizeikapelle spielte munter böhmisch auf. Zusätzliches Polizeigerät wurde herbeigeschafft. Und überall liefen Polizisten in passenden historischen Kostümen herum. Hier sieht man einen behelmten und besäbelten Gendarmen aus der Zeit der Ersten Republik (frühe 1920er) sich fröhlich mit kommunistischen Kollegen aus den 1970ern unterhalten. Das Ganze hat trotz der recht vielen Gruselexponate irgendwie einen äußerst sympathischen „human touch“. (DD)

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