Toilette mit architektonischem Glanz

Die stillen Örtchen, an denen man seine dringendsten Bedürfnisse verrichtet, sind nur selten Gegenstand kulturgeschichtlicher Betrachtung. Zu Unrecht, wie man feststellen muss, wenn man dieses architektonisch überaus interessante Relikt aus der Zeit sieht, als die öffentliche Toilette als Institution in Prag noch der Stolz der Stadt war.

Hier auf dem Tyl Platz (Tylovo náměstí) steht diese in feinem kubistischen Stil (eine Besonderheit!) gebaute Bedürfnisanstalt seit 1924 – wenngleich sie ihre Funktion nur noch beschränkt ausübt. Der Tyl Platz – im Volksmund Tylák genannt – wurde Ende des 19. Jahrhunderts als großer Marktplatz für die neue Stadt Vinohrady (die erst seit 1922 ein Stadtteil Prags) an gelegt. Er hieß auch anfänglich nur Tržiště, also Marktplatz. 1895 wurde er dann in Tylovo náměstí umbenannt, nach dem Dramatiker Josef Kajetán Tyl, der 1834 den Text der späteren Nationalhymne der Tschechoslowakei bzw. Tschechienes geschrieben hatte (wir erwähnten das u.a. hier und hier). Nur in den Jahren 1938–1940 und 1945–1952 hieß er kurz Scheinerplatz (Scheinerovo náměstí), benannt nach dem ehemaligen örtlichen Bürgermeister und Vorsitzenden des Turnerbundes Sokol (wir berichteten u.a. hier und hier), Josef Scheiner.

Nun, auf einem Markt halten sich viele Menschen auf. Manche, etwa die Standbetreiber, länger. Da brechen sich irgendwann die Bedürfnisse Bahn. Anscheinend gab es schon um die Zeit des Beginns des Ersten Weltkriegs eine eher improvisierte hölzerne öffentliche Toilette, die auf einem Photo von 1915 zu sehen sein soll. Jedenfalls machte man 1924 Nägel mit Köpfen und baute das heute noch hier befindliche Gebäude. Bis 1986 konnte man sich hier erleichtern. Dann wurde das Etablissement geschlossen und der obere Bauteil als Imbiss-Stehlokal eröffnet. Seit einigen Jahren hat man allerdings den Toilettenbereich im Keller, den man über eine tiefe (definitiv nicht behindertenfreundliche) Treppe erreicht, wieder nutzbar gemacht, allerdings nur für die Marktbetreiber. Ist kein Markttag, ist die Treppe mit einem starken Metallgitter geschlossen.

Es gibt nicht mehr viele historisch interessante öffentiche Toilettengebäude. Die ersten, wenigen gab es wohl im 15. Jahrhundert, als man im Uferbereich der Moldau Wassertürme zu bauen begann (Beispiele erwähnten wir u.a. hier und hier), die solche Anlagen durch Holzrohre mit Wasser versorgten. Aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts man die Sache großen Aufschwung. Der Grund war auch, dass immer mehr und immer bessere Wassertürme (wir nannten Beispiele u.a. hier und hier) die flächendeckende Wasserversorgung garantierten und die Prager Städte ihre kommunale Kanalisation (nunmehr mit gusseisernen Rohren) dramatisch ausbauten. Die Toilette selbst wurden aber meist privat betrieben und man musste einen Obolus für ihre Nutzung entrichten.

Jetzt wollten die Stadtväter auch selbst aktiv werden. 1888 beschloss der Stadtrat, dass für 40.000 Goldkronen Steuergelder 12 kommunale Toiletten gebaut werden sollten. Weitere folgten. Auch deren Nutzung war nie umsonst. Es gab sogar ein Klassen-Tarifsystem. Zum Beispiel konnte eine Dame in der ersten Klasse (natürlich gab es keine Unisex-Klos!) darauf rechnen, dass es hier Porzellanwaschbecken, Handtücher, Seife, Spiegel, Bürsten, Kämme, Haareisen, Nadeln, Fäden, Nadeln, Schnürsenkel u.ä. gab, und das Servicepersonal in diesen Räumen für die Reinigung von Schuhen und Kleidung oder dem Annähen von Knöpfen zur Verfügung stand – wofür man aber stolze vier, manchmal sogar sechs bis acht Kreuzer zahlen musste (was ungefähr dem Preis eines halben Liter Biers in einer Gaststäte entsprach). In der zweiten Klasse gab es wohl außer Toiletten (für Männer auch Urinale), Waschbecken und der Reinigung durch Personal wenig Service.

Ganz so ging es wohl in der Ersten Republik, als die öffentliche Toilette am Tylák gebaut wurde, nicht mehr zu. Die Klassengesellschaft verschwand aus den Toiletten. Aber die Toilette ist immer noch ein recht ansehnliches Gebäude im kubistischen Stil mit einer dekorativen Säule (möglicherweise zugleich ein Entlüftungsschacht) davor. Der oberirdische Gebäudeteil diente damals als Kasse für den Eintritt zwecks Nutzung und man nutzte es wohl auch als eine Art Kiosk. Die Zahl solcher öffentlichen Toiletten sank in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn neue gebaut wurden, waren sie kleiner und spartanischer. Meist waren sie ab jetzt Teil anderer öffentlicher Einrichtungen, etwa Bahnhöfe. Und so erinnert und die öffentliche Toilette am Tylovo náměstí, in der sich nun im oberen Teil ein kleiner Imbiss befindet, an eine Zeit, da man auch die stillen Örtchen noch mit ein wenig architektonischem Glanz beehrte. (DD)

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