Totalverwandlung

Das President Hotel in der Na Františku 100/2, direkt am Moldauufer im Norden der Altstadt sieht nach einem Meisterwerk des Brutalismus der 1970er Jahre aus, der rohen Beton, Glas und viel Stahl oft recht gigantoman in architektonische Form brachte. Der war lange Zeit als hässlich verpönt, hat aber in den letzten eine zunehmende Zahl von begeisterten Anhängern.

Nur, das Hotel President ist nicht ganz das brutalistische Gebäude, als das es erscheint. Es erweckt eher nur den Schein. In den Jahren 1927 bis 1928 wurde hier an diesem Ort nämlich ein großes Gebäude im Stil eines modernisierten Klassizismus nach den Plänen des Architekten František Krásný errichtet. Es sollte als Sitz des Verbandes der Ingenieure und Architekten (Spolek inženýrů a architektů, SIA) in der Tschechoslowakei dienen. Damals hieß es natürlich noch nicht Hotel President, sondern Budovatel (Baumeister) Stilistisch sollte es eine Einheit mit dem gegenüber liegenden Gebäude der Rechtsfakultät der Karlsuniversität bilden, das gerade gebaut und 1931 fertiggestellt wurde – siehe Bild rechts oberhalb, das deshalb wohl eine vage Vorstellung vermittelt, wie das Original-Budovatel aussah.

Und in seiner Ursprungsform blieb das Gebäude auch 1949, als die SIA aus- und der Weltgewerkschaftsbund einzog. Genauer gesagt: Das, was vom Weltgewerkschaftsbund übrig war, denn als Folge des Kalten Krieges hatten sich gerade die Gewerkschaften der demokratischen Länder als Internationaler Bund Freier Gewerkschaften abgespalten, sodass hier in Prag nur noch kommunistische Scheingewerkschaften repräsentiert wurden.

Das waren eigentlich keine richtigen Gewerkschaften im Sinne einer unabhängigen Arbeitnehmer- vertretung, sondern Erfüllungsgehilfen der staatlichen Planzielsetzung. Da die Gewerkschafter – ob echt oder nicht – trotzdem weiterhin viele Delagationsbesuche erhielten, begann man 1974 nach den Plänen der Architekten Karel Filsak und Václav Hacmac mit dem Anbau eines Hotels, das ebenfalls Budovatel hieß. Dieser Anbau, der schon im modern-brutalistischen Stil erfolgte, wurde 1978 fertiggestellt. Somit war auf einer Seite das klassizistische Äußere des alten Gebäudes durch ein neues überdeckt.

Als nächster Schritt wurde dann das Innere der beiden Gebäude miteinander verbunden. Ende der 1980er Jahre wurde die gesamte Fassade rundum umbaut. Wie man am großen Bild oben sieht, blieb an der Südseite, die der Rechtsfakultät gegenüberliegt, von der klassizistischen Ansicht nichts mehr übrig. Das galt auch für die Westseite zum Ufer (Bild links). Das Verschwinden der alten Fassade und die Errichtung der neuen war wiederum ein Werk von Karel Filsak, der in den Jahren 1968 bis 1974 auch das direkt benachbarte Hotel InterContinental (ein legendärer Bau, über den wir hier berichteten) entworfen hatte. Dadurch gewinnt die Überbauung auch einen optisch-ästhetischen Sinn. Nun war das Gebäude nicht mehr mit der Rechtsfakultät abgestimmt, sondern mit dem harmonisch passenden und größeren Hotel InterContinental.

An der Fassade zur Rechtsfakultät wurde allerdings 1988 ein ästhetisches Element hinzugefügt, nämlich eine Skuptur, die von einem über alle Stockwerke reichenden Rahmen umgeben ist und vor der obersten Etage angebracht ist. Das Knstwerk hat den Titel Křídlo (Flügel) und wurde von dem bekannten Bildhauer Josef Klimeš entworfen, dem Schöpfer der berühmten Nilpferdbadewannen (wir berichteten hier) an der Barrondovbrücke, über die wir hier berichteten. Der starre Rahmen steht in anregendem Kontrast zu den nicht ganz parallel verlaufenden horizontalen Strukturen der Fassade an dieser Seite.

1999 zogen die nunmehr im demokratisch gewordenen Lande als Fremdkörper empfundenen Gewerkschafter nach Athen um. Danach begannen umfangreiche Pläne, das Ganze – bisher formal aus zwei Teilen bestehende – Gebäude zu einem großen Hotel (nun President genannt) umzuwandeln. Die 2004 beendeten Umbauten durch die deutsche Firma Hochtief hatten eine daher eine totale Neukonstruktion des Innenbereichs zur Folge. František Krásný hätte sein altes Gebäude nun definitiv nicht mehr wiedererkannt. Die Zahl der Hotelzimmer erhöhte sich z.B. von 101 auf 134. Es gilt als ein modernes Hotel der Luxusklasse (5 Sterne). Kaum ein Gebäude in Prag hat sich in so relativ kurzer Zeit so restlos in etwas anderes verwandelt wie das Hotel President. (DD)

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