U Elektry: Wer Nicht Wühlt, Kommt Nicht Weit – LandesBlog

Zwei Männer schauen sich interessiert die Ware an. Foto: Lilly Reichhardt

Unsere LandesBloggerin Lilly ist am Sonntag früh aufgestanden, um den größten Flohmarkt Tschechiens zu erkunden. 

Umringt von Pappkartons mit Klamotten, Schüsseln mit alten Elektrogeräten und Kisten mit Krimskrams stehe ich auf der Straße, die “U Elektry” heißt. Und nein, ich bin nicht in eine Haushaltsauflösung hineingeraten, sondern habe letzten Sonntag  den größten Flohmarkt Tschechiens besucht. Der “Blesi Thry” (also “Flohmarkt”) , früher “Kolbenova”, befindet sich in Prag 9 und ist gut mit der Bahn zu erreichen. Samstags wie sonntags von sieben Uhr morgens bis zwei Uhr mittags herrscht hier reges Treiben.

Da das Wochenende mein allererstes in Prag war, wollte ich es mit einer Aktivität starten, die für mich einfach zu einem gelungenen Wochenende gehört: einen Flohmarkt erkunden. Um die besten Schnäppchen zu ergattern, habe ich mich früh auf den Weg gemacht. Als ich um acht Uhr morgens ankam, war es noch relativ leer auf dem Markt. Einige der Händler waren sogar noch am Aufbauen. Das überraschte mich, denn im Internet stand auf jeglichen Seiten, dass man so früh wie möglich da sein soll. Dass so wenig los war, mochte aber vielleicht auch am Wetter liegen: Der Himmel war von Wolken bedeckt und die Kälte kroch mir schon unter die Jacke. Regen war, wie so oft die letzten Tage, auch angesagt.

Nur Bares ist Wahres

Trotzdem füllte sich der Flohmarkt relativ schnell. Vor allem waren viele Männer und Frauen in gelben Westen zu sehen. Sie kontrollierten die Tickets am Eingang, den riesigen Parkplatz vor dem Markt und natürlich die endlos langen Gänge des 50.000 Quadratmeter großen Marktplatzes selbst.

Obwohl der Markt relativ neu ist – erst seit 2016 findet der Markt in der “U-Elektry” statt – sind unter den Besuchern vor allem Einheimische und sehr wenige Touristen. Da ich (noch) kein Tschechisch kann, musste ich versuchen, mich auf Englisch durchzuschlagen, was gar nicht so leicht war. Ich stand mit anderen Besuchern in einer Schlange, als würden wir uns Tickets für den Jahrmarkt kaufen wollen. Für ein Ticket wird ein Preis von derzeit 30 CZK (ungefähr 1,23 Euro) aufgerufen, der sich in Bar oder mit Karte zahlen lässt. “Auf dem Markt aber nur Bargeld!”, erklärte mir die Ticketverkäuferin, als ich am Schalter ankam. Daran hatte ich nicht gedacht. Was für ein Anfängerfehler! Zum Glück zeigte mir einer der freundlichen Ordner den Geldautomaten, der extra für solche Fälle auf dem Gelände stand.

Nachdem mein Ticket kontrolliert wurde und ich das Gelände betrat, musste ich mich erst einmal orientieren. Professionelle Händler, die Neuware anboten, reihten sich an Stände, die aussahen als hätte jemand seinen Kellerinhalt ohne vorher zu sortieren aufgestellt. Dazwischen standen einige Klapptische, auf denen Klamottenhaufen zum Wühlen standen. Einige Stände mit Lebensmitteln oder Toilettenartikeln konnte ich auch entdecken. Der Duft von gebratenen Würstchen und Langos stieg mir in die Nase, was so früh am Morgen eher noch ein bisschen gewöhnungsbedürftig war.

Schrott oder Schatz?

Wohin das Auge auch reichte, ich sah Autoteile, Shampoo, Reifen, Vasen, Möbel, Spielzeuge, Klamotten und auch Lebensmittel. Überall wurde verhandelt, verkauft, gewühlt. Als ich so durch die Reihen schlenderte, fiel mir vor allem eins auf: An den meisten Ständen sah auf den ersten Blick alles aus wie Schrott. Natürlich ist auf dem Flohmarkt nicht jede einzelne Vase auf Hochglanz poliert, aber in meinen vielen Jahren Flohmarkterfahrung habe ich selten so viele heruntergekommene Dinge auf einem Fleck gesehen. Nachdem ich allerdings die anderen Schnäppchenjäger ein bisschen beobachtet hatte, bemerkte ich, dass der Schein täuschte. Fing man nämlich an in den Kisten zu wühlen, konnte man doch den einen oder anderen Schatz finden. Beispielsweise erspähte ich eine neuwertige, funktionierende Geige neben einer Kiste mit alten Föns. Genauso verhielt es sich bei den Klamottenständen. Unter löchrigen, dünnen Pullis waren teilweise Markenklamotten wie Levis-Jeans oder Nike-Pullover zu Spottpreisen zu finden. Auch ich wurde am Ende noch fündig: ein neuer, schöner Pullover für umgerechnet gerade einmal 2 Euro. Ein echter Schatz bei den Temperaturen!

So ähnlich sahen viele der Stände auf dem Markt aus. Foto: Lilly Reichhardt

Wenn man also bereit zum Wühlen und frühen Aufstehen ist, lässt sich mit etwas Geduld und Glück von Luftmatratze bis Autoteile finden, was man braucht – wirklich alles. Wer aber zu den eher gemütlichen Flohmarktgängern gehört, oder wer auf Flohmärkten vor allem nach Klamotten sucht, ist auf einem der vielen anderen Flohmärkte, die Prag zu bieten hat, besser aufgehoben. Für mich ist vor allem eins klar: Vor dem nächsten Besuch werde ich wichtige Sätze wie “Wie viel kostet das?” auf Tschechisch lernen.

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