Unter der Sparsamkeit werden Bücher verliehen

Hoch ragt die Allegorie auf die Sparsamkeit über dem Dach empor. Und das passt zum ursprünglichen Zweck des Gebäudes in der Nuselská 603/94 im Prager Stadtteil Michle. Es handelte sich um die örtliche Filiale der Bürger-Kreditgenossenschaft in Michle (Občanská záložna v Michli).

Die Genossenschaftsbanken waren in Böhmen erstmals in den 1860er Jahren entstanden, angeregt durch die Ideen des Volksaufklärers und Arztes František Cyril Kampelík, dessen Schaffen stark durch die liberalen bzw. christlichen Selbsthilfe- und Geneossenschaftsbewegungen von Hermann Schulze-Delitzsch oder Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Deutschland geprägt war. Kamepelik zu Ehren nannte man später die Genossenschaftsbanken liebevoll „Kampeličky“. Die für Genossenschaften typische Kombination von Eigenverantwortung und Gemeinschaftlichkeit sollte das sozialpolitische Gegenbild zum bevormundenden Etatismus des Sozialismus sein.

Als dieses Gebäude hier gebaut wurde, gab es in der gerade gegründeten Tschechoslowakei rund 5000 solcher Kreditgenossenschaften, die dem sogeannenten „Kleinen Mann“ Kleinkredite, Altersvorsorge und Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichten..

Die „Kampelička“ in der Nuselská-Straße wurde 1927 nach den Plänen des Architekten und Bauunternehmer František Kočí erbaut. Schon 1931 kam es zu einer Erweiterung des Baus durch den Architekten Viktor Doubek.

Im selben Jahr wurde auf die markante Statue mit der Allegorie der Sparsamkeit. Die auf einer erhöhten eckigen Säule stehende Bronzeskulptur ist ein Werk des Bildhauers Bohumil Stehlík. Als Schüler des berühmten Josef Václav Myslbek, dem wir die große Reiterstatue des Heiligen Wenzel auf dem Wenzelsplatz verdanken, verstand der etwas von symbolträchtiger Versinnbildlichung in der Bildhauerei.

Stehlik wählte die Gestalt eines unbekleideten Mädchens, das gerade gesparte Münzen in ein Geldsäckel steckt. Hinter dem Mädchen sieht man ein kleines Zahnrad, was in der damaligen Ikonographie meist Gewerbefleiß symbolisieren sollte. Das alles war damals wohl Zeitgeschmack.

Die halbrunde, an eine Apsis erinnernde Form des Vorbaus entspricht diesem konservativen Design der Statue. Es bedient sich mit den regelmäßigen Halbsäulen noch ganz klar einer klassizistischen Formensprache. Die hinteren Erweiterungsbauten sind allerdings im funktionalistischen Stil gehalten. Aber diese Kombination von alt- und neumodisch wirkt hier in der Tat recht stimmig.Als Finanzinstitut für die Bürger wurde das Gebäude noch lange verwendet, wenngleich mit der Machtergreifung der Kommunisten 1948 die liberale Genossenschaftsidee nicht mehr überlebte. In den 1970er Jahren gab es innen kleinere Umbauten. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 übernahm in den 1990er Jahren die aus der Privatisierung der Staatsbank hervorgegangene Komerční banka (Kommerzbank) das Gebäude. Sie blieb dort bis 2013.

Dann stand das Gebäude leer. Ab und an fanden in de leeren Hallen Kulturveranstaltungen statt. Das war es aber auch. Der allmähliche Verfall des architektonisch doch recht ansprechenden Gebäudes drohte. Im Jahre 2018 begann der Architekt Tomáš Hořava mit einem völligen Umbau im Inneren. Inzwischen hatte nämlich die Stadtregierung von Prag 4 das Gebäude übernommen. Aus dem Bankgebäude sollte eine Stadtbücherei werden, in der sich bildungsbeflissene Bürger Literatur ausleihen können. Diese Bücherei, die vorher nur provisorisch in einem anderen Gebäude in der Nähe untergebracht war, konnte 2020 eröffnet werden. Das Gebäude hat sich dafür als ausgezeichnet geeignet erwiesen. Und irgendwie stimmt die Allegorie der Sparsamkeit, die darüber thront, immer noch dazu, denn eine öffentliche Buchausleihe ist schließlich eine sehr preisgünstige Art, sich literarisch zu bilden. (DD)

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