Vom alten Kulturpalast zum modernen Kongresszentrum

Ob man es mag oder nicht: Das Kongresszentrum (Kongresové centrum Praha) dominiert sein Umfeld – schon aufgrund seiner massiven Gestalt und Größe und seiner weithin unübersehbaren Lage. Und unter der zunehmenden Zahl der Anhänger brutalistischer Architektur aus der kommunistischen Zeit erfreut es sich einer gewissen Beliebtheit unter Kennern.

Es war als großes Prestigeprojekt geplant. Alle großen Hauptstädte der kommunistischen Welt hatten damals sogenannte Kulturpaläste. Das waren repräsentative und meist enorm dimensionierte Mehrzweckgebäude für kulturelle Zwecke, mit Konzertsälen. Theatern, Kino, später Diskotheken, Sporteinrichtungen und vieles mehr. Beim Palast der Republik der „DDR“ in Ost-Berlin brachte man sogar das, was man damals „Parlament“ (Volkskammer) nannte, darin unter.

Für die kommunistische Führung der tschechoslowakei war klar, dass man so etwas ebenfalls brauche (allerdings ohne Parlament). Und fasste man 1975 den Beschluss, dass man hier ebenfalls so etwas zu bauen habe. Als Standort wählte man den Prager Stadtteil Pankrác aus, hoch über dem steilen Abhang des Nusletals, was das Kulturangebot durch eine schöne Aussicht ergänzte. Das Ganze wurde dem Architekten Vladimír Conk vom Prager Miltärprojektinstitut (Vojenský projektový ústav) übertragen, der noch während der Fertigstellung 1980 starb, so dass danach sein Kollege Josef Šnejdar das Szepter übernahm und das Projekt vollendete.

Ein Team talentierter Architekten wurde zusammengestellt, bestehend aus Jaroslav MayerVladimír UstohalAntonín Vaněk und Josef Karlík. 1976 begann man schon mit dem Bauen. Im Laufe der Zeit kamen noch andere Architekten, insbesondere für die Innengestaltung, hinzu. Man stand unter einem gewissen Zeitdruck. Das half, denn schon 1981 konnte Präsident Gustáv Husák das Gebäude feierlich einweihen. Der neue Kulturpalast füllte sich schnell mit Leben, weil schließlich nur dort die größten Events stattfinden konnten. Aber nur solange der Kommunismus herrschte. 1989 wurde nicht nur der beendet, sondern auch die mit ihm verbundene Vorliebe für die Zentralisierung von Kultur an einem Ort. Prag verfügt schließlich über ein großartiges Angebot an Kulturstätten. Immerhin leiste das Gebäude noch einen wertvollen Dienst für alle, die vom Kommunismus die Nase voll hatten, denn in einigen Räumen des Gebäudes fanden Ende 1989 Verhandlungen zwischen den alten Machthabern und den demokratischen Dissidenten über die friedliche Machtübergabe statt. Das Kulturzentrum kann sich daher rühmen, zu den historischen Freiheitsorten der Stadt zu gehören.

Und funktionell und nützlich war das Gebäude ja immer noch. Also dachte man umgehend über neuer Nutzungen nach. Dazu wurde es 1992 zuerst der Stadt Prag als Eigner übergeben, die das Ganze 1995 in eine Aktiengesellschaft mit staatlicher Beteiligung unter dem Namen Prague Conference Centre. Die modernisierte das Gebäude in den Jahren 1998 bis 2000 und baute es zum Kongresszentrum um, zu dem auch ein Hotel gehört. Und Kongresszentrum ist es – nicht nur dem Namen nach – immer noch.

Dazu bietet es die perfekten Dimensionen: 9300 Teilnehmer können in mehr als 50 Sälen, Salons und Besprechungsräumen konferieren. Der größte Saal ist der Kongressaal mit einer maximalen Kapazität von 2764 Plätzen. Der – und andere Räume – werden übrigen auch weiterhin für Kulturveranstaltungen genutzt. In Sachen Konferenzen wurde das Gebäude rasant zur großen Anlaufstelle. Schon im (Wieder-) Eröffnungsjahr 2000 fand die Jahrestagung des International Monetary Fund statt.Große Nummer! 2002 hielt die NATO hier ihren Gipfel ab und 2009 die Ratspräsidentschaft der EU. Nicht zu vergessen, dass in der Szene der Gastroenterologen und Heptatologen 2017 bei der internationalen Konferenz der ESPGHAN nicht nur das Konferenzprogramm, sondern auch die Räumlichkeiten Begeisterung ausgelöst haben dürften. Vermute ich jedenfalls. Jedenfalls wird derjenige, der drinnen tagt mit einem schönen Ausblick auf Alt- und Neustadt belohnt (siehe Bild oberhalb links).

Noch ein paar Worte zur Architektur. Von weitem sieht das Ganze (zumindest bei oberflächlicher Btrachtung) mehr oder wie ein rechteckiger Klotz aus Beton Glas aus. Näher betrachtet sieht die Sache anders aus. In Wirklichkeit handelt es sich um sehr unregelmäßig verschachtelte Kuben, die da zusammengeführt wurden. Es ist eine durchaus komplexe Struktur (man erahnt es am großen Photo oben), wie das bei brutalistischen Gebäuden der Zeit übrigen oft er Fall war.

Zudem ist dem Ganzen zur Hangseite eine arechitektonisch abgestimmte große Terrasse vorgelagert, die nicht nur eine tolle Aussicht bietet, sondern mit etlichen, oft stilistisch abgestimmten (also aus Beton bestehenden) Kunstdenkmäler übersäht ist. Oben rechts sieht man ein Beispiel dafür. Ein anders stellten wir hier genauer vor. Alles ist von Grünflächen und sogar (ganz unbrutalistischen) Bäumen durchsetzt.

Und wie sieht es innen aus? Es dominieren die klaren geometrischen Formen und vor allem eine Größendimension, die den Besucher fast ein wenig einschüchtern. Nicht nur die Konferenzsäle, sondern auch die Gänge und Foyers sind gigantisch. Die Stahlstrukturen wirken in ihrer weitläufigkeit für sich – aufgelockert durch die originell verschachtelten Treppenhäuser (Bild oberhalb rechts).

Und um künstlerische Ausgestaltung bemühte man sich auch und es es in Planern der Renovierung von 1998 bis 2000 zu verdanken, dass dabei der Grundcharakter des Ursprungsbau behutsam behandelt wurde. Die Säle wurden individuell von Künstern gestaltet. Bei vielen dominiert ein Farbton. Wände und Decken wurden mit unterschiedlichen geometrischen Elementen gestaltet. Auch einige echte Kunstwerke gibt es zu sehen. Das bekannteste ist der im Foyer des ersten Stock zu sehende Gobelin mit dem Titel Živly (Elemente), den im Jahre 1980 der Maler Rudolf Riedlbauch und seine Kollegin Ludmila Kaprasová anfertigten.

Ja, der alte Kulturpalast aus den „alten Zeiten“ hat die Transformation zum modernen Kongresszentrum (den Namen erhielt es 1995) gut bewältigt, ohne seine künstlerische Substanz völlig aufgeben zu müssen. Und a man von hier aus zwar das alte Prag sehen kann, es selbst aber nicht das Stadtbild stört (glücklicherweise liegt es auch noch optisch recht passend in einem heutigen Hochhausviertel) scheint es auch eines der wenigen völlig unumstrittenen Großprojekt der kommunistischen Zeit zu sein. (DD)

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