Von den Kleinen Leuten fußläufig zum Rathaus

Warum es diesen putzigen Namen trägt, entzieht sich meiner Kenntnis: Das Haus zu den Kleinen Leuten (dům U Človíčků), das – normalerweise von Touristenströmen umflutet – direkt gegenüber dem Altstädter Rathaus am Altstädter Ring (Staroměstské náměstí 479/25) liegt. Vielleicht sah sich der Bürgermeister, der hier einst fußläufig nahe bei seinem Amtssitz wohnte, als Vertreter der kleinen Leute. Ist aber eher nicht wahrscheinlich.

Den Namen wechselte das im Laufe der Zeit sowieso immer wieder. Im Mittelalter sprach man wohl vom Haus zur Blauen Gans (Dům U Modré husy). Im 16. Jahrhundert gehörte es einem gewissen Bindra, der hier ein Weinlokal betrieb, und folglich hieß es damals U Bindrů (Bei Bindra). Und heute spricht man ab und an vom Haus zum Blauen Stern (U Modré hvězdy). Auf jeden Fall ist das Haus sehr alt. Im Keller finden sich anscheinend noch Reste romanischer Kellergewölbe aus dem 12. Jahrhundert. In der zweiten Hälfte 14. Jahrhundert, der Zeit Karls IV., entstand hier ein sehr solide gemauertes zweistöckiges Haus im hochgotischen Stil, der diese große Epoche in der Geschichte Prags auszeichnet. Von diesem mittelalterlichen Gebäude sind noch sichtbare und substanzielle Spuren zu sehen. Man erkennt sie etwa noch an den Arkaden im Erdgeschoss, die von Spitzbögen gestützt sind.

Aber die Altstadt und ihre Häuser haben sich immer wieder erneuert – so auch das Haus zu den Kleinen Leuten. Zwischen 1546 und 1571 wurde das gesamte Gebäude schrittweise in ein Renaissancehaus umgewandelt, was vor allem zur Öffnung der Arkade führte, die sich nun auch auf das benachbarte Gebäude 478/26, dem dům Na kamenci, erstreckte.

Mitte des 17. Jahrhundert wurde ein gewisser Bohuslav Daniel Vořikovští z Kunratic Besitzer des Hauses. Der kam aus einer Familie, die sich während des Dreissigjährigen Krieges 1648 bei der Verteidigung der Stadt gegen die Schweden äußerst verdient gemacht hatte. Er trat auch als Mäzen auf, der 1696 die heute in dieser Form nicht mehr erhaltene Statue der Pieta auf der Karlsbrücke stiftete. Klar, dass der im Jahr 1700 zum Bürgermeister der Altstadt gewählt wurde. Ab dem Jahr 1710 baute er das Haus im spätbarocken Stil so aus, wie wir es im Kern heute noch bewundern können – als wahren Repräsentationsbau, der auch noch extrem gut fußläufig zum Rathaus lag. Gegen Ende des 18. Jahrhundert wurde die barocke Fassade noch einmal ein wenig überarbeitet. Insbesondere die Fenster wurden dem klassizistischen Zeitgeschmack angepasst und wirken daher nicht mehr so verspielt, wie sie vielleicht in den Zeiten des früheren Bürgermeisters gewesen sein mögen.

Heute residiert hier aber kein Bürgermeister mehr (über dessen heutige Residenz berichteten wir bereits hier; über die eines seiner Vorgänger hier). Im Erdgeschoss befinden sich Läden und ein Bistro für Touristen, darüber ein kleines Hotel. Nach 1926 wurde das Haus zum Zweck der Vergrößerung der Hotelkapazität mit dem benachbarten dům Na kamenci verbunden. Beide Häuser hat man durch den Anstrich, der jeweils die Kontraste der Fassade herausstreicht, optisch zugleich von einander abgehoben und doch irgendwie zu einer optisch harmonierenden Einheit verschmolzen. Zusammen ergeben sie jedenfall ein hübsches Ensemble. (DD)

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