Wappen eines Vielvölkerstaats mit Problemen

Die alte Tschechoslowakei der Ersten Republik gibt es nicht mehr. Von der Gründung 1918 bis zur Trennung der von der Slowakei 1993 durchlief der tschechoslowakische Staat viele Metamorphosen – auch territoriale. Fast jedes Mal mussten dabei auch die Staatswappen verändert werden. Normalerweise schraubte man dafür bei öffentlichen Gebäuden eine Plakette von der Wand und ersetzte sie. Nur der Tatsache, dass es so massiv in Stein gemeißelt wurde, verdankt dieses alte Wappen aus der Zeit nach 1920, dass es noch immer die Fassade des tschechischen Finanzministeriums in der Letenská 525/15 in Prag 1 schmücken darf. Eine Seltenheit!

Und ein besonders großes und prachtvolles Exemplar ist es obendrein. Das bietet die Gelegenheit ein paar Worte der Erklärung zu diesem Staatswappen zu verlieren und auch zu dem Gebäude, an dem es sich befindet. Fangen wir bei dem Wappen an. Am 29. Februar 1920 wurde die Festlegung von Flagge und den Wappen zusammen mit der am selben Tage verabschiedeten Verfassung der Tschechoslowakei beschlossen. Obwohl diese Verfassung explizit nicht föderativ, sondern recht zentralistisch angelegt war, trug man bei der Gestaltung des Wappens der Tatsache Rechnung, dass die Tschechoslowakei sich zwar ein wenig wie ein Nationalstaat gerierte, aber realiter ein Vielvölkerstaat war. Also wurden die Landesteile mit den verschiedenen Bevölkerungen in das Wappen einbezogen.

Das wird im Bild unten kurz illustriert. Im Kern sieht man hier ein Bündel von fünf Landeswappen. Wie es dargestellt wurde, und was dabei fehlt, deutet bereits auf Probleme hin, mit denen sich die Erste Republik sehr bald, oft mehr schlecht als recht herumschlagen musste.

Bleiben wir erst einmal bei dem, was man hier sieht. Bei dreien der fünf Wappen war es recht einfach, sie zu gestalten, denn sie waren Traditionswappen von einstmals im Verlauf der Geschichte souveränen oder zumindest politisch klar definierten Territorialhoheiten – als da waren Böhmen (Königreich), Mähren (Markgrafschaft) und Schlesien (Herzogtum). Bemerkenswert ist, dass der Böhmische Löwen als Wappentier (über ihn berichteten wir hier) so zentral über die vier anderen Wappen gesetzt wurde, dass er diese teilweise sogar verdeckt. Irgendwie macht das schon klar, wo damals „die Musik spielte“. In allen Regierungen der Republik hatten Böhmen die absolute Mehrheit. Die „Kern-Tschechen“ sahen sich als die Elite des Landes, die es sich zur exklusiven Aufgabe gesetzt hatte, die anderen Landesteile erst einmal „voranzubringen“. Das berühmte Pittsburgh Agreement, das eigentliche „Gründungsdokument“ der Tschechoslowakei, das in Präsenz des späteren ersten Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk noch während des Ersten Weltkriegs im März 1918 von Exilanten unterzeichnet wurde, sah noch ein föderatives Staatswesen mit vielen Selbstbestimmungsrechten insbesondere der Slowaken vor. Als nach dem Ende des Krieges und des Habsburgerreichs im Oktober die Unabhängigkeit kam, erwies sich dieses Versprechen als Makulatur. Ein böhmisch bestimmter Zentralstaat mit Anspruch, ein richtiger Nationalstaat zu sein, wurde errichtet. Da es sich in Wirklichkeit um einen Vielvölkerstaat handelt, barg das viel politischen Sprengstoff in sich, der am Ende der Republik die Existenz kostete.

Von den vier vom böhmischen Löwen überdeckten Wappen gehören zwei allerdings tatsächlich zu den Traditionsländern der früheren böhmischen Krone. Der Adler unten links, der in farbiger Darstellung rot-weiß kariert wäre, ist der Adler von Mähren. Mähren war schon im Jahre 1019 lehensrechtlich mit der böhmischen Krone verbunden worden. Auch als es 1182 eine dem Heiligen Römischen Reich unmittelbare Markgrafschaft wurde blieb das so. Meist war böhmische König auch zugleich mährischer Markgraf (wenn es nicht ein Verwandter war). Diese lange Historie mag erklären, warum es ab und an so etwas wie Autonomiebewegungen in Mähren gibt, aber die Mährer sich insgesamt an den Böhmen untergeordnetet Status gewöhnt zu haben scheinen. Der Adler unten links ist der schlesische Adler – schwarz mit Silbermond auf der Brust. Auch das im Norden Tschechiens gelegene Schlesien (heute in eine böhmische und mährische Hälfte aufgeteilt) war in Teilen schon im späten 9. Jahrhundert von Böhmen beherrscht worden. Heute gehört der nördlichere Teil zu Polen. Die heutige Nordgrenze des tschechischen Schlesiens wurde im wesentlichen durch den Österreichischen Erbfolgekrieg (1741-48) mit Preußen gezogen. Auch hier ist die Unterstellung zu Böhmen historisch schon lange festgeschrieben.

Anders ist es mit den beiden oberen Wappen. Etwa das der Slowakei – ein Patriarchen- oder Doppelkreuz über einem Dreiberg. Beide Symbole lassen sich aus der Geschichte des ungarischen Königtums ableiten. Denn: Irgendein eigenes Wappensymbol, das die Staatlichkeit der Slowakei begründete gab es vor der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei nicht. Vorgängerentwürfe gab es allerdings während des Aufstandes gegen die Ungarn im Zuge der Revolution von 1848. Aber es weist auf ein Problem der Tschechoslowakei hin. Das Gebiet der Slowakei war seit dem frühen 10. Jahrhundert Teil Ungarns. 1920 bekam die Tschechoslowakei nach einem kurzen Krieg (1919) große Gebiete Ungarns im Frieden von Trianon zugesprochen. In großen Teilen des zugesprochenen Gebiets gab es fast reine ungarische Bevölkerungen und kaum Angehörige des „slawischen Brudervolks“ der Slowaken. Dass sie von den böhmischen Tschechen (laizistisch/progressiv/urban) politisch dominiert wurden, fand unter den Slowaken (mehrheitlich streng katholisch/rural/konservativ) nicht nur positive Resonanz, und erleichterte es wohl, dass sie beim Einmarsch der Nazis in Prag 1939 recht schnell ihre Eigenstaatlichkeit als Verbündeter Hitlers erklärten. Die Dominanz des böhmischen Löwen auf dem tschechoslowakischen Wappen steht daher für eines der großen strukturellen Probleme der Ersten Republik.

Und dann noch ein anderes Wappen eines Landesteils mit keiner eigenstaatlichen Geschichte und auch keiner historischen Verbindung zu Böhmen, das aber trotzdem in die Tschechoslowakei eingegliedert wurde, die ihre Landesteile mit böhmischen Zentralismus regierte: Das Bären-Wappen von Transkarpatien. Die heute ukrainische Region Transkarpatien war auch seit dem 10. Jahrhundert Teil Ungarns, die beherrschte Bevölkerung war aber mehrheitlich ruthenisch (und sprach eine dem Ukrainischen verwandte Sprache). Eine nationalistische Bewegung der Ruthenen bestand seit dem 19. Jahrhundert, war aber vergleichsweise schwach. Man fühlte sich mit der ukrainischen Nationalismus verbunden. Als Ungarn nach dem Krieg mit der Tschechoslowakei 1919 auch dieses Gebiet verlor, war aber die Ukraine gerade dabei in Bürgerkriegen, Kriegen mit Polen und der Sowjetunion zu versinken. Zudem wollten die Alliierten des Weltkriegs, dass das durch den Vertrag von Trianon territorial dezimierte Ungarn auch von verlässlichen Bündnispartnern „umzingelt“ werden solle, wozu man die Tschechoslowakei zählte. Und da die Tschechoslowakische Republik trotz ihres Zentralismus einen im Vergleich zu allen Alternativen recht liberalen Umgang versprach, wurde dies auch von den Ruthenen akzeptiert. Das an für sich historisch merkwürdige gemeinsame Glück endete 1939, als Hitler die Tschechoslowakei zerschlug und Transkarpatien wieder Ungarn zuschlug. Um dem zu entgehen, riefen die Transkarpaten-Ruthenen ihre eigene Republik aus, die aber von ungarischen Truppen innerhalb eines Tages besetzt wurde. 1945 fiel das Gebiet kurz wieder an die Tschechoslowakei zurück, die aber schon im nächsten Jahr mit „Nachdruck“ dazu gebracht wurde, es an die Sowjetunion abzutreten. Heute gehört das Gebiet zur Ukraine (wo es kulturell auch irgendwie hingehört) und führt als Landesteil seit 2009 wieder den Bären und die blau-gelben Streifen im Wappen, die man schon im tschechoslowakischen Wappen von 1920 fand. Als im Februar 2022 Putins Armee in die Ukraine einfiel, hisste man in Tschechien selbstredend überall die ukrainische Fahne hier und unterstützte die Ukrainer nach Kräften, denn irgendwie ist aus der kurzen Episode des tschechoslowakischen Transkarpatien eine große Grundsympathie der Tschechen für die Ukraine erwachsen (siehe Bild oberhalb links).

Der transkarpatische Wappenteil mit dem Bären verschwand kurioserweise übrigens erst 1960 aus dem Wappen der Tschechoslowakei. Und nach der Trennung von der Slowakei 1993 verschwand auch deren Wappen aus dem Wappen, sodass heute nur noch zwei böhmische Löwen (Böhmen dominiert immer noch einen zentralistischen Staat) und je einmal der mährische und schlesische Adler zu finden sind. Noch zu erwähnen: Interessant an dem Wappen von 1920 ist natürlich auch, dass man den großen deutschsprachigen Gebieten keinen Platz auf dem Wappen zugestand, obwohl die Deutschen die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe waren. Und den Ungarn, die in den Slowakischen Landesteilen in großen Arealen die Mehrheit bildeten, auch nicht. Psychologisch geschickt war das zumindest nicht und war zumindest sichtbares Indiz für die am Ende doch eher missglückte Minderheitenpolitik der Ersten Republik. Aber wie dem auch sei, nach 1920 schmückte das Wappen die öffentlichen Gebäude des Staates. So auch – bis heute – das Finanzministerium. Die kleinere Tafel mit dem aktuellen Wappen (Bild oberhalb rechts) macht natürlich klar, was heute Sache ist, und dass das alte Wappen hier nur als Teil eines denkmalgeschützten Gebäudes erhalten wurde.

Das Gebäude selbst wurde im Jahr 1928 nach den Plänen der Architekten František Roith (dem wir u.a. das stilgleiche Gebäude der Nationalbank und die Residenz des Prager Bürgermeisters verdanken) und Karel Pecánek im Stile eines schon recht modern angehauchten Klassizismus fertiggestellt. Da es mitten in der alten Kleinseite liegt, trifft auch die naheliegende Vermutung zu, dass hier an der Stelle früher ein anderes Gebäude stand. Es steht nämlich auf dem alten Palast oder Hof des Bischofs von Prag, der 1248 erstmals erwähnt wurde. 1655 erwarben es die Nonnen des Karmeliterordens, um hier 1663 ihr Kloster zu eröffnen. Das ging gut, bis durch die Kirchenreformen Kaiser Josephs II das Kloster 1782 enteignet und säkularisiert wurde. Das wurde nach einer Weile rückgängig gemacht, aber der Orden verkaufte 1829 Teile des Grundstücks, so dass hier ein Geschäftshaus entstand. 1906 kamen nach einem Teilabriss noch Mehrfamilienhäuser dazu. Schließlich, im Jahre 1921, verkaufte der Orden die restlichen Liegenschaften, die er schon lange nicht mehr selbst nutzte – er war nämlich ins Kloster der Kirche des Heiligen Benedikt (Kostel sv. Benedikta) am westlichen Ende des Burgplatzes umgezogen. Für 7 Millionen Kronen ging es nun an den neu gegründeten Staat. Der brauchte Räumlichkeiten für sein Finanzministerium, das seit 1918 beengt im barocken Clam-Gallas Palais (Clam-Gallasův palác) in der Altstadt provisorisch residierte und ständig irgendwelche zusätzlichen Büros anmieten musste. Jetzt machte man Nägel mit Köpfen.

Von der Rückseite hat der Finanzminister übrigens einen schönen Ausblick auf den ehemaligen Klostergarten, der heute als Vojan Park (Vojanovy sady) eine öffentliche Grünanlage ist (wir berichteten) – und umgekehrt sieht man das Finanzministerium dort. Dort ist die Fassade immer noch barock angepasst zum ursprünglichen gehalten, wie die Architekt damals überhaupt darauf achteten, dass das neue Gebäude die Vorgeschichte nicht gänzlich auslöschte. Auch im Inneren wurde Teile des Klosterbaus (etwa das ehemalige Äbtissinnenbüro mit einer einzigartig bemalten Kassettendecke) erhalten.

Ach ja, und das große steinerne Wappen ist gar nicht so selbstverständlich noch an dieser Stelle. Als 1939 Hitlers Truppen in Prag einmarschierten, hätten die dieses Relikt einer verhassten Republik sicher gerne zerstört. Doch eifrige Mitarbeiter des Ministeriums montierten es als Symbol ihrer Freiheit schnell noch ab und versteckten es mit Erfolg bis zum Kriegsende, worauf es dann wieder anmontiert wurde. (DD).

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