Wiege des Kommunismus

In sehr vielen böhmischen Städten, die etwas auf sich hielten, bauten nationalgesinnte tschechische Bürger um die Jahrhundertwende solche Gebäude, aber das Národní dům (Nationalhaus) im heutigen Stadtteil Karlín (heute Prag 8) in der Hybešova 14/10 hat schon eine besondere Geschichte, aus der leider auch allerlei Unheil hervorghehen sollte

Ein Versammlungsort, kulturelles Zentrum und Ausdruck eines erstarkten Selbstbewusstsein der Tschechen innerhalb des als österreichische Fremdherrschaft empfundenen Habsburgerreichs dienten solche, von sozial engagierten wohlhabenden Bürgern durch Spendenaktionen finanzierten Nationalhäuser, in denen es große und kleine Säle und auch meist Restaurantbetriebe gab (Beispiele zeigten wir u.a hier und hier). Das in Karlín wurde in den Jahren 1910/11 nach Plänen des Architekten Josef Sakař erbaut. Der war ein Schüler von Josef Zitek, dem Erbauer des Nationaltheaters, und selbst ein Spezialist für den Bau von großen Bildungseinrichtungen und öffentlichen Bauten, wie die 1906 noch im historistischen Stil erbaute nahegelegene Grundschule und den Kindergarten von Karlín (wir berichteten hier).

Das Nationalhaus von Karlín (das damals noch eine eigene Stadt war und erst 1922 an Prag angeschlossen wurde) ist jedoch ein Werk des späten Jugendstils. In seiner Spätform hatte sich der Jugendstil von überbordenen und phantasiereichen floralen Mustern hin zu einer eher strengen geometrischen Formgebung gewandelt. In der Fassadenstruktur näherte sich das Ganz beim Karlíner Nationalhaus wieder stark an den Klassizismus an. Die ebenfalls recht zurückhaltend dezenten Skulpturen und dekorativen Stuckelemente stammten aus dem ganz in der Nähe gelegenen Atelier des Künstlers und Designers Otakar Rákosník, der sie zusammen mit seinem Mitstreiter Antonín Štrunc entwarf. Die Lage ist passend schön, befindet sich das Haus doch direkt am Rande des hübschen Kaizl Parks (Kaizlovy sady), über den wir schon hier berichteten.

Im Jahre 1921 näherten sich die seit dem Ersten Weltkrieg ständig zunehmenden parteiinternen Spannungen und Flügelkämpfe innerhalb der tschechoslowakischen Sozialdemokraten einem dramatischen Höhepunkt. 23 Abgeordnete des radikalen marxistisch-leninistisch orientierten Flügels verließen die Partei. Inspiriert von der russischen Oktoberrevolution und der erwarteten Aussicht, die Weltrevolution stehe kurz vor dem Ausbruch, gründeten sie am 14.-16. Mai die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (Komunistická strana Československa, abgekürzt: KSČ). Als ersten Vorsitzenden wählten die Delegierten des Gründungskongresses Václav Šturc, den ehemaligen sozialdemokratischen Bürgermeister von Kobylisy. Eine der Grundlagen für die 1948 einsetzende kommunistische Diktatur war gelegt. Und die Gründung der Partei fand eben genau in jenem Nationalhaus in Karlín – damals als eine Industrie- und Arbeiterstadt bekannt – statt. Nur wenige Menschen ahnten wohl, in welchem Unheil das einmal enden würde.

Die Kommunisten schwächten mit ihrem Eintritt in die politische Arena erst einmal die Sozialdemokraten, die bei den Wahlen 1925 nur noch 8,9 % der Stimmen bekamen. Aber auch die Kommunisten sollten sich bald selbst einem Stresstest unterziehen. 1929 kam bei ihnen eine Gruppe radikal-stalinistischer Fanatiker, unter ihnen Klement Gottwald, der spätere erste Präsident der kommunistischen Diktatur, an die Macht, die (wie der Zufall es wollte) auch hauptsächlich aus Karlín kam, und deshalb die Karlíner Buben (karlínští kluci) genannt wurden. Die Partei wurde nun autoritär regiert, Moskaus Führung unterworfen und die letzten Reste sozialdemokratischer Politik verschwanden. Die 1925 gewonnenen Stimmen gingen weitgehend verloren und viele Mitglieder verließen die Partei, etwa der Schriftsteller Vladislav Vančura (wir berichteten hier), aber auch Václav Šturc, der in Karlín 1921 zum Gründungsvorsitzenden gewählt worden war, und den die Karlíner Buben 1932 dazu brachten, sich wieder den Sozialdemokraten anzuschließen. Die Partei wurde zur Kadertruppe, die gar nicht mehr wirklich an irgendeine demokratische Legitimation glaubte, sondern mit allen revolutionären Mitteln die Gewaltherrschaft anstrebte.

Das Gebäude, indem die Schreckenspartei gegründet wurde, verlor einige Jahre danach die Funktion als Nationalhaus. Seit 1938 dient es dem tschechoslowakischen Rundfunk und es wurden u.a. Tonstudio eingebaut, in dem insbesondere in den 1950er und 60er Jahren berühmte Big-Band-Leader wie Karel Vlach oder Ferdinand Havlík ihre swingenden Klänge aufnahmen. In den Zeiten des Reichsprotektorats missbrauchten die Nazis die Einrichtungen für ihre Propaganda. Auch heute ist es noch der Sitz des Tschechischen Rundfunks (Český rozhlas), der von hier hauptsächlich regionale Programme sendet, die aber natürlich mit den beiden Totalitarismen der Vergangenheit, ob nationalsozialistisch oder kommunistisch, gebrochen haben.

Bis zum Ende des Kommunismus (1989), der hier seine Wiege hatte, hing neben dem Eingang an der Fassade eine bronzene Gedenktafel, mit dem die Kommunisten zuvor ihrer Gründung gedachten. Die entfernte man danach und steckte sie irgendwo unsichtbar in einen Kellerraum. Nichts scheint mehr an das Ereignis von 1921 zu erinnern, außer… Außer der Name der Straße, an das alte Nationalhaus liegt, der Hybešova. Die ist nämlich benannt nach dem sozialdemokratischen Abgeordneten Josef Hybeš, der zu denen gehörte, die sich 1921 abspalteten, um die Kommunisten zu gründen. Er hatte aber im Dezember 1920 während einer Parlamentsrede einen Schlaganfall bekommen und konnte daher im Mai am Gründungskongress nicht teilnehmen, sondern nur ein Grußwort schicken. Im Juli starb er. Da er keine aktive Rolle bei den Kommunisten spielen sollte und ansonsten als ein sehr integerer Mann galt (die Karlíner Buben hätten ihn sicher ausgeschlossen) behielt man den Straßennamen auch nach 1989 bei.

Ach ja, das große Moldauhochwasser von 2002 traf Karlín besonders hart und verschonte auch das Nationalhaus nicht. Die Reparaturarbeiten wurden aber schon im Jahr 2003 vollendet und seitdem kann man von hier aus wieder nette und nicht-kommunistische Radioprogramme empfangen. (DD)

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