Wo die Frau des Vratislav eingesperrt wurde

Eine barocke Kirche, die auf einer frühmittelalterlichen Wallburganlage steht. Man ahnt sofort, dass das ein geschichtsträchtiger Ort sein muss. Und so ist es auch. Was wir hier sehen, ist die Wallburg hoch über dem kleinen Ort Lštění an dem romantischen Flusslauf der Sázava, einem Nebenfluss der Moldau, aus der die schöne Kirche des Heiligen Klemens (Kostel svatého Klementa) emporragt. Man erkennt deutlich, wie der alte Erdwall, der dereinst wohl mit Palisaden verstärkt war, vor der Kirche entlangführt.

Die bloße Höhe, auf der sich die Anlage befindet, macht die Kirche zu einem Wahrzeichen für die ganze Umgebung. Vom Ufer der Sázava, die hier (rund 25 Kilometer südöstlich von Prag gelegen und mit der Regionalbahn gut erreichbar) zu wunderschönen und romatischen Wochenend- und Wanderausflügen einlädt, sieht sieht außerordentlich iposant aus.Man muss auf ein ganzes Stück den steilen Bergzug über der Ortschaft und dem Fluss hinaussteigen, um hier hochzukommen. Mehr als 100 Meter Höhenunterschied sind zu bewältigen. Klar: Die spitze dreieckige Felszunge, auf der die Burg auf einer Fläche von 4,3 Hektar steht, ist so leicht gegen Angreifer zu verteidigen.

In der Zeit ihrer Blüte war die alte Wallanlage durchaus bedeutsam. Sie wird zum Beispiel in der Geschichtschronik des berühmten böhmischen Chronisten Cosmas von Prag aus dem frühen 12. Jahrhundert als der Sitz des Burgkastellans des in Böhmen herrschenden Geschlechts der Přemysliden aufgeführt. Die hatten die Anlage wohl schon vorher aufgebaut. Vermutlich entstand sie im späten 9. oder sehr frühen 10. Jahrhundert unter Herzog Spytihněv I. Unter ihm wurde der böhmische Staat ausgebaut, was unter anderem auch die Anlage vieler Burgen zur Folge hatte.

Richtig in die Geschichte trat die Burg 1055 ein, als Herzog Spytihněv II. die Nachfolge seines Vaters als böhmischer Herzog antrat. Sein jüngerer Bruder Vratislav begehrte gegen ihn auf, wurde aber geschlagen und floh panisch nach Ungarn. Seine schwangere Frau (bei Cosmas „Maria“ genannt, was aber garantiert nicht stimmt, denn wir wissen nicht, wie sie wirklich hieß) musste er in der Eile zurücklassen. Spytihněv II. ließ sie darob hier in der Burg von Lštění einkerkern. Der Kastellan soll sie brutal und sittenlos behandelt haben. Als schließlich Bischof Severus von Prag ihre Freilassung erreichte, starb sie auf dem Weg zum ungarischen Exil ihres Mannes an den Folgen der Misshandlungen.

Ihr Witwer wurde erst 1061 nach dem Tod des Bruders als Vratislav II. böhmischer Herzog. 1085 toppte er das noch, als er vom deutschen Kaiser Heinrich IV. zum ersten böhmischen König (dann als Vratislav I. nummeriert) erhoben wurde, weil er diesem in seiner Auseinandersetzung mit dem Papst geholfen hatte. Zu dieser Zeit dürfte bereits am Rande der Siedlungsfläche der Burg eine Kirche gestanden haben, die im romanischen Stil gebaut wurde. Davon ist wenig zu sehen, denn heute sieht man hier unverkennbar eine Barockkirche.

1974 fand man immerhin die Reste eines gotischen Türeingangs aus dem 14. Jahrhunderts, der heute sorgfältig restauriert freigelegt sichtbar ist. In der gotisch-mittelalterlichen Zeit dürfte die umliegende Burg, auf deren Wall sie steht, als solche nicht mehr genutzt worden sein. Ab Anfang des 13. Jahrhundert findet sie in keiner Urkunde oder Chronik Erwähnung. Erdwälle waren wohl in eienr Zeit, als sich steinbewallte Burgen durchsetzten, militärisch obsolet geworden. Sie verfiel allmählich. Nur die Erdwälle kann man erkennen, besonders vor der Kirche, wo der Wall natürlich sorgfältig gepflegt wird. Von den Gebäuden innerhalb der Wälle ist kaum etwas erhalten, da sie wohl nur aus Holz gebaut waren.

Die heutige Barockkirche wurde 1703 auf den früheren mittelalterlichen Fundamenten erbaut. Es handelt sich um eine typische Klein- oder Dorfkirche im Barockstil – einschiffig, mit halbrunder Apsis und einem Turm, dessen zwiebelförmiger Dachaufsatz mit Schindeln ausgedeckt ist. Sie ist schon ein recht stattlicher Bau, wenn man sie ins Verhältnis zu dem kleinen Ort unten setzt. Aber sie hatte halt einen nicht nur reichen, sondern auch großzügigen Spender, den in der Nähe residierenden Grafen Jan Josef von Vrtba, der als Mäzen weithin bekannt war.

Von der originalen barocken Inneneinrichtung ist wenig, aber immerhin doch etwas erhalten geblieben. Man sieht einiges davon im Bild rechts, vor allem die zentral hinter dem Altar stehende barocke Statue des namengebende Heiligen Klemens, die kräftig in Gold gefasst ist. Daneben sieht man eine kleine hölzerne Kanzel – ebenfalls im Barockstil. Zwei barocke Bilder mit Heiligenmotiven runden das Ganze ab. Insgesamt ist das Innere eher zurückhaltend gestaltet, so wie es sich heute darbietet.

Die Kirche wird heute von der katholischen Gemeinde in Lštění vor allem auch als Begräbniskapelle genutzt, denn sie ist von einem schönen kleinen Friedhof umgeben. Der ist auch geschichtsträchtiger Boden, wenngleich eher neuzeitlicher Natur. An der äußeren, südlichen Wand ist nämlich die recht stattliche Grabstätte von Eduard Grégr gelegen. Grégr war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der bedeutenden tschechischen Politiker, Redner und Publizisten. Als Abgeordneter der Partei der Jungtschechen (Mladočeši), auch Freisinnige Nationalpartei (Národní strana svobodomyslná) vertat er nationalliberale Positonen gegen die Habsburgerherrschaft.. Sein Wirkungsgebiet war eiegntlich Prag, aber gegen sein Lebensende zog er nach Lštění, um die Ruhe zu genießen. Er starb 1907. Sein Grab besteht aus einem massiven Naturstein, auf dem sich eine Bronzeplakette mit Portrait befindet.

Kein Zweifel: Dieser Ort wird vom Atemhauch der Geschichte umweht. Von der armen gefangenen Frau des Vratislav bis zur Morgenröte der tschechoslowakischen Unabhängigkeit, die Eduard Grégr anzubahnen half -die alte Wallburg mit ihrer hübschen Kirche hoch über dem kleinen Ort Lštění haben viel gesehen und viel miterlebt. Darüber kann man nachdenken, wenn man von hier oben auf die schöne Landschaft an der Sázava hinunterblickt. (DD)

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