- Hans Weber
- October 7, 2026
Bier als Weltanschauung: Jaroslav Rudiš und seine „Gebrauchsanweisung für Bier“ in der Bayerischen Repräsentanz
23, September
Wenn sich zwei Völker in einer Sache einig sind, dann Bayern und Tschechen in ihrer inbrünstigen Liebe zum Bier. Was lag also näher, als diese Liebe einmal gemeinsam zu ergründen? Am Mittwoch, dem 23. September, lud die Repräsentanz des Freistaates Bayern in der Tschechischen Republik in ihre Räumlichkeiten in der Michalská ein, in ein historisches Adelspalais mitten in der Prager Altstadt. Zu Gast war der Schriftsteller Jaroslav Rudiš, der Titel des Abends: „Gebrauchsanweisung für Bier“. PragueForum hat zugehört, mitgelacht und selbstverständlich auch mitgetrunken.
Zwei Nationen, ein Glaubensbekenntnis
Man muss es sich einmal vor Augen führen: Auf der einen Seite des Böhmerwalds ein Land, in dem das Reinheitsgebot fast den Rang eines Verfassungsgrundsatzes genießt und der Biergarten als Kulturinstitution gilt. Auf der anderen Seite ein Land, das beim Bierkonsum pro Kopf seit Jahrzehnten an der Weltspitze steht und in dem die Frage nach dem richtigen Schaum mit derselben Ernsthaftigkeit diskutiert wird wie anderswo die Außenpolitik. Bayern und Tschechien – das ist eine Nachbarschaft, die im Krug zusammenfindet.
Dass ausgerechnet ein Tscheche den Bayern das Bier erklärt, mag manchem Münchner zunächst wie Eulen nach Athen erscheinen. Doch spätestens nach den ersten Minuten war klar: Hier sprach nicht nur ein Kenner, sondern ein Philosoph des Gerstensafts.
Der Gastgeber: Martin Kastler
Begrüßt wurden die Gäste von Martin Kastler, dem Leiter der Bayerischen Repräsentanz in Prag. Kaum jemand verkörpert die bayerisch-tschechische Nachbarschaft so überzeugend wie er. Der 1974 in Nürnberg geborene CSU-Politiker saß von 2003 bis 2004 und erneut von 2009 bis 2014 im Europäischen Parlament. Bei der Hanns-Seidel-Stiftung leitete er die Abteilung für Entwicklungspolitik und später das Mitteleuropa-Projekt mit Sitz in Prag.
Über zwölf Jahre stand er als Vorsitzender an der Spitze der sudetendeutsch-tschechischen Ackermann-Gemeinde, und von 2016 bis 2020 führte er den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Seit April 2024 vertritt er den Freistaat in der tschechischen Hauptstadt – und macht die Repräsentanz zu einem Ort, an dem bayerisch-tschechische Begegnung mit Leichtigkeit und Herz gelebt wird. Ein Abend über Bier passt da hervorragend ins Programm.
Der Star des Abends: Jaroslav Rudiš
Jaroslav Rudiš, 1972 im nordböhmischen Turnov geboren, ist Schriftsteller, Journalist und Musiker – und einer der wenigen tschechischen Autoren, die genauso selbstverständlich auf Deutsch schreiben wie in ihrer Muttersprache. Wer ihn an diesem Abend erlebte, hätte ohnehin nicht vermutet, dass Deutsch nicht seine erste Sprache ist: Er spricht es perfekt, mit Witz, Wärme und einem untrüglichen Gefühl für Pointen.
Bekannt wurde Rudiš mit seinem Debüt „Nebe pod Berlínem“ (Der Himmel unter Berlin), für das er den Jiří-Orten-Preis erhielt. Gemeinsam mit dem Zeichner Jaromír 99 schuf er die Graphic-Novel-Trilogie um den Fahrdienstleiter Alois Nebel, deren Verfilmung 2011 auch international Furore machte. Mit dem Roman „Winterbergs letzte Reise“ eroberte er dann das deutschsprachige Publikum. 2024 wurde er mit der Verdienstmedaille der Tschechischen Republik ausgezeichnet.
Und als wäre das alles nicht Beweis genug für seine Kompetenz in Sachen Bier: In seiner Heimatstadt Turnov gibt es ein Bier, das seinen Namen trägt. Viel höhere Weihen kann ein Biertheoretiker kaum empfangen.
Eine Gebrauchsanweisung für das Leben – getarnt als Bierbuch
Sein Buch „Gebrauchsanweisung für Bier“ ist in der beliebten Reihe des Piper Verlags erschienen, in der Rudiš zuvor bereits das Zugreisen erklärt hat. Für das neue Werk war er unterwegs in Klöstern und Brauereien, Biergärten und Kneipen – in Tschechien und Bayern ebenso wie in Belgien, Irland, Italien und sogar Island. Er traf leidenschaftliche Biertrinker, Hopfenbauern und Biersommeliers und arbeitete sich vom Ale über das Pils, das Weizen und den Stout bis zum alkoholfreien Bier durch.
Herausgekommen ist kein trockenes Fachbuch, sondern eine literarische Liebeserklärung. Rudiš nähert sich dem Bier auf beinahe philosophische Weise: als Getränk, das Menschen zusammenbringt, als Spiegel von Geschichte und Heimat, als Anlass für Gespräche, die man nüchtern vielleicht nie geführt hätte. Bier, so lernte man an diesem Abend, ist eben nicht nur ein Getränk – es ist eine Haltung.
Entsprechend kurzweilig geriet der Vortrag. Rudiš erzählte von Kneipen, in denen die Zeit stehen geblieben ist, von Stammtischen als letzten Bastionen der Demokratie und von der hohen Kunst, ein Bier richtig zu zapfen. Das Publikum lachte, nickte wissend und ertappte sich mehr als einmal dabei, die eigenen Trinkgewohnheiten kritisch zu überdenken – allerdings nur kurz.
Schinken im Glas: das Bamberger Rauchbier
Krönender Abschluss des Abends war eine Verkostung, die es in sich hatte. Im Mittelpunkt stand das Bamberger Rauchbier – eine der außergewöhnlichsten Spezialitäten der bayerischen Bierkultur. Sein Geheimnis liegt im Malz, das über offenem Buchenholzfeuer gedarrt wird und dem Bier sein unverwechselbar rauchiges Aroma verleiht.
Wer es zum ersten Mal probiert, ist oft verblüfft: Man meint, ein Stück geräucherten Schinken im Glas zu haben. Kenner sagen, man müsse sich durch die ersten Schlucke „hindurchtrinken“, bevor sich die ganze Tiefe dieses fränkischen Klassikers erschließt. An diesem Abend bewiesen viele Gäste bemerkenswerten Durchhaltewillen. Ergänzt wurde die Degustation durch weitere bayerische Spezialitäten, die zeigten, dass Bayern auch jenseits von Hell und Weißbier einiges zu bieten hat.
Ein Abend der bayerisch-tschechischen Familie
Unter den Gästen waren zahlreiche Vertreter der tschechisch-bayerischen Gesellschaft in Prag – aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Diplomatie. Auch der neue österreichische Botschafter in der Tschechischen Republik, S. E. Philipp Charwath, der erst Ende August sein Beglaubigungsschreiben an den Staatspräsidenten Petr Pavel überreicht hatte, ließ sich den Abend nicht entgehen. Dass ein Österreicher dabei ist, wenn Bayern und Tschechen über Bier philosophieren, darf man wohl als gelungene mitteleuropäische Völkerverständigung verbuchen.
Zwischen den altehrwürdigen Mauern des Palais, wo schon Generationen von Pragern ein- und ausgegangen sind, wurde aus einer Lesung ein echtes Fest der Nachbarschaft: unterhaltsam, gesellig und mit dem schönen Gefühl, dass man sich über die Grenze hinweg vielleicht nicht in allem, ganz sicher aber im Wichtigsten einig ist.
PragueForum dankt Martin Kastler und seinem Team für die Einladung und Jaroslav Rudiš für einen Abend voller Geist – im doppelten Sinne. Na zdraví und Prost!
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