„Natürlich sind wir nicht begeistert“

Vor einem halben Jahr sind Sie mit bei Pro Sieben Sat.1 eingestiegen. Seither hat sich der Konzernverlust im Halbjahr auf 86 Millionen Euro verachtfacht, der Börsenkurs ist um fast 20 Prozent gesunken. Ist das ein gutes Investment?

Wir sind langfristige Investoren. Wir haben frühzeitig damit begonnen, Aktien zu kaufen. Für uns ist die Position heute okay. Das gilt auch für das Investment.

Wie hoch ist Ihr Anteil heute?

Wir haben mitgeteilt, dass wir die Schwelle von 15 Prozent an Pro Sieben Sat.1 überschritten haben. Wir haben nicht mitgeteilt, dass wir die Schwelle von 20 Prozent überschritten hätten. Das bedeutet, dass wir zwischen 15 und 20 Prozent haben.

Kaufen Sie aktuell Aktien zu?

Derzeit haben wir keine weitere Mitteilung zu machen. Wir sind glücklich damit, wo wir heute sind.

Manche Investoren verbinden mit einem Medienengagement politische Absichten. PPF auch?

Nein. Da sind wir glasklar. Sehen Sie sich unsere Central European Media Enterprises an. CME betreibt Fernsehsender in fünf Ländern Ostmittel- und Südosteuropas. Wir garantieren die absolute Unabhängigkeit der Nachrichtenredaktionen. Unabhängiger Journalismus ist ein Wert an sich, dafür stehen wir.

Sie wurden nicht mit offenen Armen empfangen, auch nicht vom Mehrheitseigner MFE – der Media For Europe des verstorbenen ehemaligen italienischen Premierministers Silvio Berlusconi, die 28 Prozent an Pro Sieben Sat.1 hält.

Es ist doch klar, dass die Leute erst überrascht waren und sich fragen: Wer ist das denn jetzt? Dann haben wir erklärt, was wir vorhaben. Wir versuchen immer in allen Ländern, wo wir aktiv sind, mit allen Stakeholdern gut auszukommen. Für uns als weltweit aktiver Investor ist Reputation extrem wichtig. Ich sage es einmal so: Wer ein Bluechip sein will, muss sich auch wie einer benehmen. Wir sind nicht da, um zu stören, sondern um zu helfen.

Und jetzt ist alles gut?

Heute ist der Umgang untereinander freundlich und konstruktiv. Wir haben jetzt unsere Vertreterin im Aufsichtsrat, und das wird jetzt hoffentlich bald vom Gericht bestätigt. Die Wahl wurde von allen anderen begrüßt. MFE hat zwei Vertreter im Aufsichtsrat, wir einen. Punkt.

Didier Stoessel, Chief Investment Officer PPF
Didier Stoessel, Chief Investment Officer PPF :Bild: PPF

Wird der Tod Berlusconis etwas ändern?

Das müssen Sie MFE fragen. Wir sind glücklich, dort zu sein, wo wir heute sind. Wir sehen uns in einer guten Position.

PPF hat sein Vermögen von 40 Milliarden Euro in viele Bereiche investiert: Finanzdienste, Telekom, Onlinegeschäfte, Immobilien, Maschinen- und Schienenfahrzeugbau, sogar in das Vermieten von Yachten. Wie passen TV-Sender dazu?

Zunächst: Wir sind ein familiengeführtes, global tätiges Investmentunternehmen mit einer konservativen, aber klaren Investmentphilosophie. Am einfachsten beschreibt man uns als geduldigen Langzeitinvestor, der sich gerne in fragmentierten Wachstumsmärkten engagiert, die Chancen durch Digitalisierung bieten, nachhaltig und klimafreundlich sind.

Was nicht zwangsläufig zu Medien führt.

In Medien investieren wir, weil wir glauben, dass wir den Markt gut verstehen. Zweitens nimmt der Videokonsum weltweit zu. Man kann Videos zu jeder Tageszeit, zu jeder Nachtzeit auf unterschiedlichsten Geräten anschauen. Wir haben die Inhalte und die technischen Möglichkeiten, überall und zu jeder Zeit die Wünsche der Verbraucher zu erfüllen. Wir müssen das nur monetarisieren. Da ergeben sich riesige Möglichkeiten und großartige Chancen.

Keine Angst vor Amazon, Netflix und Co.?

Das sind phantastische Wettbewerber. Aber macht Netflix morgen eine Supermodel-Serie wie Pro Sieben mit Heidi Klum in Deutschland und Österreich? Wahrscheinlich nicht.

Deren Größe schreckt Sie nicht ab?

Größe bedeutet viel in diesem Geschäft, aber lokale Inhalte, Live-Inhalte sind viel wichtiger. Die Leute wollen Nachrichten und Geschichten aus ihrer Lebenswelt, aus ihrer Region, in ihrer Sprache. Daran glaube ich fest. Deshalb sind wir so überzeugt vom Mediengeschäft. Und wir sehen viele Trends. Pro Sieben Sat.1 operiert nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber wir sind mit unseren Medien in vielen anderen Regionen tätig und verfügen über Kompetenz in Digitalisierung und Telekommunikation. Wir haben zum Beispiel soeben einen Anteil an der größten, schnell wachsenden Streamingplattform Skandinaviens, Viaplay, übernommen.

Auch bei den großen Streaminganbietern ist nicht alles Gold, was glänzt. Wenn die schon Probleme bekommen, was heißt das für die anderen Anbieter?

Viele von den großen Streamingdiensten verlieren gerade viele 100 Millionen Dollar. Die Leute sollten nicht vergessen, dass sie die Preise anheben müssen. Die Plattformen werden zwischen 20 und 25 Euro im Monat verlangen. Das ist eine Chance für die anderen Anbieter. Ich bin sicher, dass es im traditionellen . . .

… kostenfreien und werbefinanzierten …

. . . linearen Fernsehen ein großes Marktpotential gibt, Inhalte zu monetarisieren.

Noch gelingt das Pro Sieben Sat.1 nur unzureichend, wie die Geschäftszahlen zeigen. Was also tun?

Natürlich sind wir nicht begeistert, das ist sicherlich nicht der Fall. Aber wir sind sehr angetan von dem, was in den letzten sechs Monaten getan worden ist. Zu diesem Zeitpunkt ist die gute Nachricht, dass jeder Eigentümer ein Ziel hat. Und das ist, sicherzustellen, dass Pro Sieben Sat.1 wieder zurückkommt auf die Siegerspur. Andererseits gilt auch: Der Sender und die ganze Industrie arbeiten zurzeit in einem sehr schwierigen Umfeld.

Das heißt?

Alle müssen an einem Strang ziehen und dem Vorstand so viel Unterstützung geben, wie nur eben möglich ist. So viel Hilfe, wie es braucht, um sicherzustellen, dass das Unternehmen die Kurve kriegt.

Ist das ein Appell oder eine Lagebeschreibung?

Alle sind an Bord. Auch die Strategie, wie sie unser CEO Bert Habets vorgestellt hat, ist jetzt klar.

Also die Ankündigung, 400 Stellen abzubauen, und das Versprechen, die Streamingplattform Joyn endlich ins Laufen zu bekommen?

Natürlich ist es ein großer Unterschied, eine Strategie zu präsentieren und sie dann umzusetzen. Das erfordert viele einzelne Schritte. Man muss Teams wieder aufbauen, die Performance der TV-Kanäle muss besser werden. Es ist klar, dass die Monetarisierung des Inhalts über alle Medien attraktiver werden muss. Genauso klar ist, dass der gesamte Digitalisierungsprozess in den letzten fünf Jahren nicht besonders weit vorangekommen ist. Das muss jetzt in einer extrem hohen Geschwindigkeit nachgeholt werden. Das ist allen ganz klar. Jeder weiß, was zu geschehen hat und dass es auch wirklich getan werden muss.

Da bleibt nicht viel Zeit zum Üben?

Jetzt kommt es auf die nächsten, sagen wir, fünf, sechs Monate an. Dann sehen wir, wie sich der deutsche Werbemarkt entwickelt. Auch die Inhalte müssen verbessert werden. So etwas geschieht nicht über Nacht. Dafür braucht man die richtigen Leute, einen detaillierten Aktionsplan, den umzusetzen das Management hoffentlich in der Lage sein wird. Warten wir die nächsten sechs Monate ab. Dann können wir wieder darüber reden.

Das ist keine lange Zeit.

Sechs Monate können eine lange Zeit sein und zugleich eine sehr kurze Zeit. Aber es muss reichen, um uns zu konzentrieren und unsere Kräfte zu fokussieren, das Programm 2024 neu auszurichten. Wissen Sie: Unsere Inhalte müssen die Leute glücklich machen, begeistern und bewegen.

CEO Habets hat Ihr volles Vertrauen?

Das hat er und 100 Prozent Unterstützung. Er hat als CEO von RTL Nederland einen sehr überzeugenden Job gemacht. Die digitale Transformation, die er da hingelegt hat, war höchst erfolgreich. Aber natürlich sind es jetzt nicht 20 Millionen, sondern 80 Millionen potentielle Kunden, da muss also noch ein Quantensprung passieren. Deshalb kommt es auf seine Fähigkeit an, das Konzept gut umzusetzen. Das ist entscheidend für Pro Sieben Sat.1.

Es gab so viel Unruhe im Sender: vertagte Bilanzvorlage, Verluste, Abgänge im Topmanagement, Stellenabbau. Haben Sie so einen Restrukturierungsfall erwartet?

Bevor wir die erste Aktie gekauft haben, haben wir uns das Unternehmen genau angeschaut. Wir haben alle Segmente analysiert, haben ihre Werbezeiten verglichen und so weiter. Und wir waren nicht überrascht. Aber jetzt kommt es darauf an, mit den Inhalten über alle Kanäle Geld zu verdienen. Das passiert nicht, indem man wartet und zuschaut.

Dazu braucht es Investitionen, keine Eigner, die zügig Dividenden erwarten.

Natürlich braucht das Unternehmen dafür Investitionen. Einige der Gewinne, die es künftig macht, werden reinvestiert werden müssen. Das wissen wir. Wir reden hier über ein langfristiges Investment. Aber wir sehen ein großes Potential, solange der notwendige Umbau in Angriff genommen wird. Der Erfolg oder Misserfolg von Pro Sieben Sat.1 und jedem anderen Medienhaus in Europa wird davon abhängen, wie und ob sie in der Lage sind, ihre Inhalte breiter als heute zu verteilen und zu verkaufen. Und dafür werden Telekommunikationsanbieter entscheidend sein. Auch das ist ein Geschäft, das wir verstehen.

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